Wiederaufbau in den fünfziger Jahren

Der nachfolgende Text wurde von Hanna Wilde und Mitarbeitern aus Nettelstedt verfasst und wurde aus dem Heft “Neue Nettelstedter Blätter” Nr. 35 entnommen.

Bis zu der Wiedereinsetzung der gemeinnützigen Stiftung “Kinderheim Nettelstedt” (1953) und der Rückerstattung des Vermögens von der britischen Treuhandverwaltung (1954) vergingen noch einige Jahre, aber inzwischen erfüllte das Heim seinen Zweck der Gesundheitsfürsorge für TBC-gefährdete Kinder längst besser und dringender als je zuvor. Als der Regierungspräsident Karl Meyer-Spelbrink 1954 das Bundesverdienstkreuz persönlich überreichte, galt ihm diese Anerkennung stellvertretend für alle, die an dem Werk mitgearbeitet hatten und damit der Dorfgemeinschaft Nettelstedt insgesamt. Der Gemeindevorsteher Friedrich Schwarze nahm daher an der Verleihung teil.

Das dreißigjährige Jubiläum des Kinderheimes feierte man am 15. Mai 1955 mit einem großen Kinderfest, dem traditionellen “Backsteinstutenfest”. Die Nettelstedter Schulkinder zogen festlich geschmückt vom Schulhof zum Bahnhof, von dort durchs Dorf, am Kinderheim vorbei hinauf zum Hünenbrink. So wurde daran erinnert, daß Nettelstedter Schulkinder einst in der Not eine lange Kette vom Bahnhof bis zum Kinderheim gebildet hatten, um die am Bahnhof lagernden Backsteine von Hand zu Hand zur Baustelle zu befördern. Dreißig Jahre zuvor, am 15. Mai 1925, hatten die Kinder der Oberklassen die ersten Kurkinder in festlichem Zug mit ihrem Gepäck vom Bahnhof zum Kinderheim geleitet. Unter den zartgrünen Bäumen des Hünenbrinks führten die Kinder zum Jubiläumsfest anschließend wie alljährlich das Frühlingsspiel nach Texten von Wilhelm Korte auf. Dessen Höhepunkt war das Winteraustreiben. Mit den Kurkindern zusammen versammelten sich dann die Dorfkinder im Garten des Kinderheimes zur Verteilung der Stutenkuchen in Größe und Form eines Backsteines. Im Jubiläumsjahr kredenzten die Heimkinder dazu Getränke und luden zu Wettspielen ein, die wegen der winkenden Preise mit großem Eifer ausgetragen wurden. Die enge Verbindung zwischen Kinderheim und Dorfschule wurde durch dieses Fest allen Beteiligten deutlich.

Für die Erwachsenen fand die Jubiläumsfeier erst im Oktober 1955 nach einer glanzvollen Spielzeit mit Schillers Drama Wilhelm Tell in junger Besetzung statt. Noch einmal zählte man mehr als 50 000 Zuschauer bei den Aufführungen, die der Regierungspräsident Dr. Galle zusammen mit Prof. Heselhaus, einem Germanisten aus Münster, eröffnet hatte. Die überregionale Presse rühmte den “neuen Teil im alten Geist” und beurteilte diese Leistung als zentrales Kulturereignis unter den Feiern zu Schillers 150. Todesjahr in ganz Westfalen. Die Hauptrollen waren alle mit jungen Spielern aus den Dorf besetzt, unter ihnen Fritz Hucke, Gustav Pohlmann, Toni Gnade, Martha Budde und Willi Arning. Gerühmt wurde diese Tellaufführung auch als glanzvolle Regieleistung Dr. Hermann Schulzes. Wieder konnte die Nettelstedter Spielgemeinde mit Überschüssen einen bedeutenden Beitrag zur Renovierung und zu Erweiterungsbauten am Kinderheim leisten. Nach dem Verkauf des Wirtschaftshofes wurde ein Schwesternheim mit Heimleiterwohnung angebaut und der Garten neu angelegt. Im Oktober 1955 blickte man im Heim und in der Spielgemeinde also auf ein besonders erfolgreiches Jahr zurück und beging die Jubiläumsfeier im Speisesaal des Kinderheimes in großer Dankbarkeit. Das Bild von der Überreichung zahlreicher Ehrenurkunden an die langjährigen Mitarbeiter in Heim und Dorf ging damals im Zusammenhang mit ausführlichen Berichten durch die heimatliche Presse. Wir haben es in den “Neue Nettelstedter Blätter” Heft 34 bereits abgebildet. Niemand hätte damals daran gedacht, dass diese Erfolge schon in den kommenden Jahren in Frage gestellt werden könnten.

Neben den Presseartikeln wurden für diese Darstellung Dokumente aus den privaten Nachlässen der Rektoren Meyer-Spelbrink und Korte sowie die Schulchronik benutzt.


Rektor Zachariat mit Schulkindern beim “Backsteinstutenfest”
Foto: Zacharia

Geschrieben am 6. Dezember 2009 | Abgelegt unter |