Wanderausstellung “Sozialversicherung in Diktatur und Demokratie” in der Innungskrankenkasse

Lübbecke (gü). Willy Schürmann hat die dunklen Jahre miterlebt. Am 1. Mai 1936 trat er der Innungskrankenkasse, Allgemeine Krankenkasse für den Kreis Lübbecke, bei. Machte eine Ausbildung und verließ das Haus 1986 als Pensionär nach 25 Geschäftsführer-Jahren. Seine frühe IKK-Zeit – erst 1935 waren fünf Innungskrankenkassen des Kreises Lübbecke zusammengeschlossen worden – fiel in den Beginn einer grundlegenden Zäsur der deutschen Sozialversicherung. Die Selbstverwaltung der Krankenkassen wurde von der NS zerschlagen, ihre Leistungen eingeschränkt, Gremien aufgelöst, führende Mitarbeiter abgesetzt, “Gemeinschaftsfremde” ausgegrenzt.
“Der fundamentale Bruch in der Sozialversicherung”, so der Historiker Dr. Marc von Miquel, ist Teil einer Ausstellung, (Titel: “Sozialversicherung in Diktatur und Demokratie”), die bis zum 22. Mai in der Geschäftsstelle der Vereinigten Innungskrankenkasse (IKK) zu sehen ist. Gezeigt werden Fotos, Urkunden, Briefe, Grafiken von der NS-Zeit bis zum Beginn der Bundesrepublik. “Die Schau ist ein Spiegel unserer Zeit, positiv wie negativ”, sagte Landrat Dr. Ralf Niermann bei der Begrüßung.
Dargestellt werden wesentliche Entwicklungen, Strukturen und Ereignisse der Sozialversicherung, die Ende des 19. Jahrhunderts von Reichskanzler Otto von Bismarck errichtet wurde. Versprach die Weimarer Verfassung noch einen “umfassenden Katalog sozialer Grundrechte” (von Miquel), begann mit der Wirtschaftskrise Ende der 30-er Jahre die Demontage der bestehenden sozialpolitischen Ordnung. Nach der Machtergreifung Hitlers wurde die Sozialpolitik Instrument der nationalsozialistischen Ideologie der “Volksgemeinschaft”.
Der Wiederbegründung der Sozialversicherung nach 1945 folgte als wichtigste Neuerung die Rentenreform von 1957. Hinzu kamen bei der Kranken- und Unfallversicherung vor dem Hintergrund großer medizinischer Fortschritte enorme Leistungsausweitungen. Und es wurden die Grundlagen gelegt für die umfassende soziale Sicherung der Bevölkerung der jungen Bundesrepublik.
Dies alles dokumentiert die Ausstellung prägnant und anschaulich, ergänzt durch einen 415-seitigen Begleitband.

Zeitzeugen: 1954 erhielt die IKK Lübbecke den ersten Dienstwagen. Mit dabei waren damals Willy Schürmann (heute 86, l.) und Willi Kottkamp (72, r.). Beide späteren Geschäftsführer sind auf dem Foto zu sehen, das sich in der Ausstellung und dem Begleitband findet.

Eröffnung: Dr. Marc von Miquel (l.) führte in die Ausstellung ein. Aufmerksame Zuhörer waren IKK-Regionaldirektor Horst Brinkhoff, Bürgermeisterin Susanne Lindemann und Landrat Dr. Ralf Niermann (v.l.).
Fotos: Tyler Larkin
Quelle: Neue Westfälische Lübbecke