Verlust der Pfarrstelle schmerzt

Strukturveränderungen unumgänglich

Nettelstedt (sg). Unsicherheit, Unmut und auch Angst machen sich derzeit in der Kirchengemeinde Nettelstedt breit. Das wurde am Montagabend im Laufe der gut besuchten Gemeindeversammlung deutlich. Anlass für die Versammlung war der kurzfristige Weggang des langjährigen Pfarrers der Gemeinde, Rüdiger Müller. Nach 17-jähriger Tätigkeit in Nettelstedt wechselte Müller zum 1. August in den Kirchenkreis Herford. Nun muss die Kirchengemeinde – wenn auch nicht unvorbereitet – aus finanziellen Gründen den Verlust der Pfarrstelle verkraften. Wegen der »eher geringen Zahl der Gemeindeglieder von etwa 2050 Personen« hat Nettelstedt nur noch Anrecht auf eine Dreiviertel-Pfarrerstelle. Dies hat die Kreissynode beschlossen und auf eine Ausschreibung der Stelle verzichtet; vielmehr soll die Seelsorge in Nettelstedt aus der Region von vorhandenen Kräften innerhalb des Kirchenkreises gewährleistet werden. Dabei hat Kirchenmeister Wilfried Röwekamp angesichts der Kündigung Müllers schnell reagiert, um die Vakanz zu beenden. »Nachbarschaftliche Hilfe« wurde gewährt, und auch Superintendent Dr. Rolf Becker habe umgehend gehandelt, um die Grundversorgung zu gewährleisten, bis eine dauerhafte Neuregelung gefunden worden sei.


Was soll ich machen? scheint Superintendent Dr. Rolf Becker zu fragen. Die prekäre Finanzlage zwingt auch zum Abbau von Pfarrerstellen.

Den September wird Pfarrer im Entsendungsdienst Jürgen Giszas abdecken bevor Pfarrer Michael Tiemann-Piotrowski, wie bereits angekündigt, den Vertretungsdienst ab Oktober wahrnehmen wird. Während der Versammlung stellten sich beide Pfarrer den Anwesenden kurz vor. Dann wandte sich Superintendent Dr. Becker an die Gemeindeglieder, um über die finanzielle und personelle Situation und die Sichtweise der Kreis- und Landeskirche zu informieren. »Der Wechsel eines Pfarrers ist ein ganz normaler Vorgang.« Ebenso normal sei es, dass die Übergangszeit eine Behelfszeit sei. »Wenn Sie einen Pfarrer in Vertretung haben, ist das eigentlich nichts anderes als momentan. Zurzeit haben Sie darüber hinaus sogar zusätzliche Kräfte von mir erhalten.« Womit er Pfarrer Giszas meinte, der eigentlich dem Superintendenten direkt zugeordnet ist. Angesichts der Finanzknappheit und des Sparzwanges müssten Strukturen geändert werden, die auch die Pfarrer beträfen. Stellenstreichungen sollten jedoch gerecht über den Kirchenkreis verteilt werden. Und dafür lägen die Gemeindegliederzahlen zugrunde. Ein Chance zum Abbau böten Vakanzen. Eine Alternative sei eine »pfarramtliche Verbindung« mit der Nachbargemeinde Gehlenbeck.


In der evangelischen Kirchengemeinde Nettelstedt gab es eine Menge Kritik an der Streichung der Pastorenstelle. Von rechts Kirchmeister Wilfried Röwekamp, Superintendent Dr. Rolf Becker und Vertretungspfarrer Michael Tiemann-Piotrowski hatte in der Gemeindeversammlung keinen leichten Stand. Fotos: Sonja Gruhn

Aus Gemeindereihen wurde die Sorge geäußert, dass tatsächlich eine Person für Nettelstedt zuständig sein werde. Die Frage, ob eine Stellenausschreibung nicht doch möglich sei, verneinte Becker nachdrücklich. Ein Vorschlag von Finanzkirchmeister Dieter Hovemeyer lautete, Lübbecke zu einer Gemeinde mit fünf Pfarrstellen zu machen. Theoretisch möglich, praktisch aber nicht umsetzbar, so die Antwort. Erschwerend kommt hinzu, dass es laut Kirchengesetz aus den 70er und 80er Jahren keine Möglichkeit gibt, die 75-Prozent-Stelle mit einem Jungpfarrer zu besetzen. Grund dafür ist, dass die 500 Jungpastoren im Entsendungsdienst von der Landeskirche bezahlt würden, erklärte der Superintendent. Die Kosten würden bei einer Neubesetzung zu Lasten des Kirchenkreises gehen. Röwekamp wies darauf hin, dass es wichtig sei, so schnell wie möglich eine Lösung zu finden, damit die Gemeinde nicht auseinander falle.
Schließlich entstanden zwei Fronten bei der Frage, ob bereits Gespräche hinsichtlich der Zusammenarbeit mit Gehlenbeck und somit mit dem Pastorenehepaar Fischer stattgefunden hätten, was Röwekamp mit »Ja« beantwortete. »Dann ist es ja schon entschieden«, war von Gemeindegliedern zu hören. Die Argumente, auf diese Weise sparsamer innerhalb der Kirchengemeinde agieren zu können, fanden nicht den rechten Anklang. Vielmehr fühlten sich schon jetzt einige vom Presbyterium übergangen. Andere hatten gar den Eindruck, dass »mit dem Geschiebe mit den Zahlen etwas vorgegaukelt wird, und das die Gemeinde vielleicht in ein paar Jahren gar nicht mehr existiert. Wir wollen mehr wissen, wir wollen Sicherheit haben«. Helmut Övermann mahnte zur Einsicht: »Noch deutlicher, als es hier gesagt wurde, kann man es nicht mehr sagen, warum die Einsparungen nötig sind.« Eine weitere Frage zur jetzigen Situation von Annette Ladewig betraf die Konfirmanden, für die ein ständiger Wechsel unzumutbar sei. Becker versicherte, dass diese Sorge unbegründet sei.

Quelle: Lübbecker Kreiszeitung – Westfalen Blatt

Geschrieben am 24. August 2006 | Abgelegt unter Kirche |