Tanz mit einem Toten

Komödie „Außer Kontrolle“ begeistert Publikum im Spielerheim Nettelstedt / Aberwitzige Situationen

Lübbecke-Nettelstedt. Den Abend hat sich der englische Regierungspolitiker Richard Willey sicher ganz anders vorgestellt. Anstatt aphrodisierende Austern mit einer hübschen Sekretärin der Opposition zu naschen, sorgt der vom Fensterrahmen erschlagene Privatdetektiv für hahnebüchene Verstrickungen. Die turbulente Komödie „Außer Kontrolle“ sorgte mit aberwitzigen Situationen für lautes Lachen und Johlen im Spielerheim der Nettelstedter Freilichtbühne.

Der Spesen-Schampus kalt, die Tarnung perfekt und die ebenfalls verheiratete Sekretärin (Maren Wulff) des politischen Gegners schon im „kleinen Schwarzen“ – perfekte Voraussetzungen für einen erfolgreichen Seitensprung, wäre da nicht diese verflixte Leiche (Thomas Kracht) im Fensterrahmen der teuren Hotelsuite eingeklemmt.

Doch Richard Willey (Martin Jäger-Degenhardt) ist erfolgreicher Politiker und weiß, dass es keinen Skandal gibt, den er nicht mit einem sorgsam gesponnen Lügennetz vertuschen könnte. Schnell wird der ahnungslose Assistent George Pigden (Stefan Röding) ins Boot geholt. Dieser darf sofort zur Tat schreiten und die im Wandschrank zwischengelagerte Leiche verschwinden lassen. Widerworte lässt der Chef nicht gelten: „Die Höhenangst wird dich schon von der Leiche ablenken, wenn du sie über den Balkon davon schaffst.“

Doch nicht nur die Leiche zeigt sich störrischer als gedacht, auch der besorgte Hotelmanager (Hans Arning) und der zerstreute Butler (Wolfgang Hovemeyer), die ständig in die Leichenevakuierung hineinplatzen und spitzfindige Nachfragen stellen.

Schnell scheint aus dem Lügensumpf kein Entkommen mehr zu sein und als dann noch der rachsüchtige Ehemann (Florian Kracht), die Frau des Ministers (Monika Bachmann) und eine besorgte Krankenschwester (Kerstin Kottkamp) auf der Bildfläche auftauchen, scheint die nächste englische Regierungskrise unabwendbar.

Alles sehr zur Freude des Publikums im Nettelstedter Spielerheim, das sich vor Lachen schüttelt, wenn in temporeichen Szenen eine unglaubliche Situation auf die Nächste folgt. Die Schauspieler auf der Bühne sind hellwach und hochkonzentriert, ohne sich die Anspannung anmerken zu lassen. Sie hetzen ständig von einem Schlamassel zum nächsten, so dass bei den Zuschauern keine Sekunde Langeweile aufkommt.

Dabei überzeugt vor allem Hauptdarsteller Martin Jäger-Degenhardt in der Rolle des windigen Krisenmanagers. Nur Regisseur Jörg Röding rutscht manchmal ungeduldig auf seinem Stuhl hin und her: „Sobald die Premiere läuft, kann ich nichts mehr machen. Doch ich bin sehr zufrieden. Der große Aufwand hat sich gelohnt.“

Für das diesjährige Winterstück mussten ein mörderisches Fenster und ein geräumiger Wandschrank gezimmert werden. Viel Arbeit auch hinter der Bühne mit Tobias Wehrmann, Marcus Urban in der Technik und von den Souffleusen Melanie Möhlmann und Ramona Schütte. Schütte ist auch für die Choreographie verantwortlich.

Leichentanz: „Der hat nur zu viel getrunken“, soll Butler Wolfgang Hovemeyer glauben, wenn Martin Jäger-Degenhardt mit der „Leiche“ Thomas Kracht, Stefan Röding und Maren Wulff (v. l.) tanzt.

Text und Foto: Nils Beinke

Quelle: Neue Westfälische Lübbecke

Geschrieben am 18. Januar 2010 | Abgelegt unter Freilichtbühne |