Störche turteln auch im Winter

Viele Zugvögel kommen dieses Jahr drei Wochen früher zurück als sonst

Lübbecke. Etwa 2.500 Blässgänse senken sich langsam ins Große Torfmoor. Ein Meer aus braunen Hälsen und orangen Schnäbeln bedeckt die weitläufigen Wiesen und Felder. Die Vögel kommen vom Niederrhein und aus Holland, wo sie überwintert haben. Sie sind auf dem Weg nach Osten und warten darauf, dass ihre Brutgebiete in Sibirien eisfrei sind. Als ein Hubschrauber das Feuchtgebiet überfliegt, steigt der mächtige Schwarm auf, fliegt Richtung Süd-Ost, macht kehrt und lässt sich wieder im Moor nieder. “Das ist ein erhebender Anblick, wenn man so große Schwärme beobachten kann”, sagt Vogelkundler Ernst-Günter Bulk. Mehrmals in der Woche beobachtet der Pensionär die Vögel im Torfmoor.

Jetzt, Ende Februar, sind schon viele Zugvogelarten wieder da, die Bulk eigentlich erst in ein paar Wochen zurückerwartet hat. “Am 8. Februar habe ich bereits große Staren-Schwärme gesichtet, die kommen normalerweise erst Mitte März bis Anfang April”, sagt der 70-Jährige.

Auch der Kiebitz befindet sich schon stark auf dem Rückzug. “Bis zu 500 Kiebitze habe ich in den Torfmoorwiesen beobachtet”, berichtet Bulk. Die ersten ihrer Art sind im Lübbecker Land nur auf der Durchreise, sie kommen aus Holland und Frankreich und ziehen weiter Richtung Osten, in die neuen Bundesländer und nach Polen.

In den nächsten Tagen erwartet Bulk auch die heimischen Kiebitze zurück.

“Der Vogelzug ist ein ganzjähriger Prozess”, weiß Bulk. Es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen. “Die letzten Arten kommen im Juni, da gehen die ersten schon wieder.”

Mit den Kiebitzen kommen der Große Brachvogel und die Feldlerche zurück. Der Brachvogel ist ein typischer Bewohner der hiesigen Wiesenlandschaften, die Lerche zieht bis auf wenige Exemplare weiter Richtung Osten.

“Die Zugvögel kommen im Schnitt dieses Jahr drei Wochen früher zurück als sonst”, sagt Bulk. Sollte es jetzt noch einmal kalt werden, entstünde ein sogenannter Zug-Stau: Dann ziehen die Vögel nicht weiter in ihre Brutgebiete im Norden und Osten, sondern verharren auf der Durchreise. Wird es zu kalt, kehren die Zugvögel um und ziehen wieder in Richtung der warmen Winterquartiere.

Sorge bereiten den Ornithologen im Kreis die etwa sieben Störche, die im Herbst hier geblieben sind, anstatt nach Afrika oder Spanien zu ziehen. Sie sind in Gehlenbeck, Börninghausen / Einighausen, Nettelstedt, Hille und Eickhorst rund ums Große Torfmoor zu beobachten.

Die Vögel stammen aus Auswilderungsstationen am Oberrhein, in Holland und im Elsass. Mit der Fütterung durch den Menschen haben sie ihren Zugtrieb verloren. “Störche haben eine Veranlagung zum Ziehen”, erklärt Klaus Nottmeyer-Linden, Leiter der Biologischen Station Ravensberg. “Zugziel und -weg werden ihnen jedoch von den Eltern beigebracht.” Im Kreis Minden-Lübbecke kann den Störchen ihr fehlender Zugzwang gefährlich werden. In einem harten Winter würden die Vögel verenden. Auch bei mildem Klima wirkt sich die fehlende Reisefreudigkeit negativ aus: Ebenso wie die früh zurück kommenden Zugvögel brüten die Störche früher als gewöhnlich. Zu dieser Jahreszeit ist das Nahrungsangebot jedoch noch nicht so reichhaltig wie zur eigentlichen Brutzeit im Mai. Regnet zu viel, leiden die Jungen unter Erkältungskrankheiten.

Die dagebliebenen Störche besetzen früh die Nester. Kommen die Artgenossen aus Afrika zurück, wird um die Horste gekämpft, wobei häufig die Jungen umkommen.

“Die in Deutschland überwinternden Vogelarten nehmen zu”, sagt Bulk. Aus dem Norden kommende Vögel zögen im Herbst nicht mehr weiter Richtung Süden, weil sie bereits in unseren Breiten genügend Nahrung finden: Das liegt an den milden, schneelosen Wintern, aber vor allem am vermehrten Anbau von Mais. Deshalb ziehen auch die Kraniche von Jahr zu Jahr später in den Süden.

Mit einer Flügelspannweite von bis zu 2,45 Metern gehören die Kraniche zu den Durchzüglern: Den Sommer über leben sie in Polen, im Baltikum und in Skandinavien, den Winter verbringen sie in Afrika, Spanien und Süd-Frankreich.

Üblicherweise kommen sie erst Mitte März zurück. In diesem Jahr erwartet Bulk die für ihre Schönheit bekannten Vögel bereits Anfang des Monats. Dann kann der Vogelliebhaber wieder den Anblick großer Schwärme genießen.

Sonne, Futter, Gene

Im Großen Torfmoor sind 75 Vogelarten heimisch, davon etwa 20 Zugvögel. Sie kommen im Herbst aus Skandinavien, Russland und Polen und ziehen nach Afrika, Frankreich, Spanien, an den Niederrhein, nach Holland oder England. Das Torfmoor ist für sie nur eine Station. Eine Handvoll Arten überwintert in unseren Breiten. Ihr Zugverhalten richtet sich nach der Sonneneinstrahlung, den Temperaturen und der vorhandenen Nahrung. Einige Arten ziehen nur wenige hundert Kilometer südlich oder westlich, bis sie wieder genügend Futter finden. Andere Arten wie Weißstorch und Gartenrotschwanz gehören zu den Langstreckenziehern. Bei ihnen ist die Reise in den Süden genetisch programmiert, sie fliegen bis zu 10.000 Kilometer nach Afrika. Aw


Platzhirsche: Diese zwei Weißstörche sind im Herbst nicht in den Süden geflogen, sondern überwintern in Gehlenbeck in Nähe des Großen Torfmoores. Den Horst auf dem Schornstein der ehemaligen Tonwarenfabrik Horstmeyer besetzen die beiden Adebars schon einmal – zum Leidwesen der zurückkommenden Artgenossen.


Hält Ausschau: Der Ornithologe Ernst-Günter Bulk beobachtet mehrmals pro Woche die Vögel im Großen Torfmoor. Im Hintergrund steht einer der Aussichtstürme, von denen Besucher die Tiere sehen können.

Text: Anne Webler

Fotos (2): Tyler Larkin

Quelle: Neue Westfälische Lübbecke

Geschrieben am 26. Februar 2008 | Abgelegt unter Allgemein |