Das Heim als Notquartier für Evakuierte und Flüchtlinge in der Übergangszeit nach dem Kriegsende

Der nachfolgende Text wurde von Hanna Wilde und Mitarbeitern aus Nettelstedt verfasst und wurde aus dem Heft “Neue Nettelstedter Blätter” Nr. 35 entnommen.


Wandgemälde im Speisesaal des Kinderheimes Nettelstedt von Graf Byland

Im Heft Nr. 34 schlossen wir Teil II des Berichtes über das Kinderheim mit dem Hinweis, daß es nach Kriegsende als Vermögen der NSDAP in die Treuhandverwaltung der britischen Militärregierung geriet. Der Wiederaufbau als private Stiftung “Kinderheim Nettelstedt” war ganz durch diese komplizierte Rechtssituation bestimmt. Neun Jahre lang, von 1945 bis 1954, dauerte die Treuhandverwaltung. In dieser Zeit konnten dringend notwendige Investitionen nur durch Zuschüsse von außen, nicht durch Hypotheken auf das an sich beträchtliche Grundvermögen finanziert werden. Diese Schwierigkeit gilt es zu bedenken, wenn im Folgenden über den Neuanfang nach dem II. Weltkrieg berichtet wird.

Zum Zeitpunkt der Heimkehr Rektor Meyer-Spelbrinks aus der Kriegsgefangenschaft im Sommer 1945 waren die Räume des Kinderheimes mit Flüchtlingen aus dem Osten und Evakuierten aus Lübbecke dicht belegt. In Lübbecke hatten viele Hausbesitzer den Verwaltungsstellen der Militärregierung weichen müssen. Ein Teil dieser Familien wurde in das Nettelstedter Heim eingewiesen. Dessen tüchtige Leiterin Hedwig Piepenbrock war glücklicherweise mit wenigen heimatlosen NSV-”Zöglingen” im Haus geblieben und bemühte sich, den Neuankömmlingen ihre Not erträglich zu machen. Eine große Hilfe war in dieser Hungerzeit die Existenz des Wirtschaftshofes auf der Höhe des Wiehengebirges. Er umfaßte zwar nur einige Gebäude mit Gartenland am heutigen Cafe Kastanie. Dort erwirtschaftete Friedrich Hucke aber gute Erträge zugunsten des Heimes und konnte auch durch seine Viehhaltung zum Unterhalt der Heimbewohner beitragen. Dieser Zustand ohne feste Einnahmen von Seiten der Sozial- oder Jugendämter dauerte fast zwei Jahre lang. Für die unbezahlten Mitarbeiter des Heimes ließ er sich nur mit dem Blick auf die Not ringsum und die Hoffnung auf Wiedereinrichtung der privaten Stiftung “Kinderheim Nettelstedt” aushalten.

Mit dem Ziel der Wiedereinsetzung der ehemaligen Stiftung kamen im Herbst 1945 Rektor Meyer-Spelbrink, Lehrer Wilhelm Korte und die Heimleiterin Hedwig Piepenbrock im Nettelstedter Lehrerhaus zusammen. Hedwig Piepenbrock stellte für einen Antrag an den Oberpräsidenten von Westfalen die nötigen Unterlagen über die Heimanlagen, die Unterbringungsmöglichkeiten für Kinder und den Bedarf an Kuren für TBC-gefährdete Kinder im Bezirk des Gesundheitsamtes Lübbecke zusammen. Sie konnte auch einen exakten Kostenplan zur Finanzierung durch die eben wiedererrichtete Landesversicherungsanstalt vorlegen. Der im Nov. 1945 ausgefertigte Antrag auf Freigabe des Kinderheimes kam aus Münster allerdings zurück mit dem Hinweis, ohne eine positive Stellungnahme des Treuhänders der Militärregierung in Lübbecke, Rechtsanwalt Dr. Müller, könne die Sache nicht bearbeitet werden. Die Notwendigkeit zur Inbetriebnahme eines Kurheimes für TBC-gefährdete Kinder sei aber angesichts der Hungersnot besonders dringend und das Nettelstedter Heim habe gute Chancen zur Beschickung durch die Landesanstalt.

Nun erwies es sich als vorteilhaft, daß der Rektor kein Mitglied der NSDAP gewesen war. Sein Name war bei den Verantwortlichen des Oberpräsidiums Münster in guter Erinnerung. Alles hing von der Freigabe des Heimes durch die Treuhandverwaltung ab. Sie wurde deutscherseits im Sommer 1946 durch das Wohlfahrtsamt beim Oberpräsidenten befürwortet, freilich nur als “nutzungsweise Überlassung” für die Zwecke, die es vor 1933 erfüllt hatte. Die Gebäude des Heimes sollten von Flüchtlingen baldmöglichst geräumt, die Baracken des weiblichen Arbeitsdienstes auf den Gemüseterrassen des Wirtschaftshofes sogar abgerissen werden. Der Landrat des Kreises Lübbecke wurde beauftragt, dem Rektor die gesamten Anlagen des ehemaligen Kinderheimes in vollem Umfang wieder dienstbar zu machen.

Erst durch ein Schreiben vom 5. Dez. erfolgte dann die entscheidende Nutzungsfreigabe durch die Militärregierung: “the Kinderheim may be used for its normal purpose free of rent” (mietfrei). Bis zur Ankunft der ersten Kurkinder fehlten nur noch wenige Wochen, in denen Hedwig Piepenbrock mit Helfern aus dem Dorf Wunder an Reinigungskampagnen, provisorischen Renovierungsarbeiten und Schulungsstunden für neue Mitarbeiterinnen leistete. Glücklicherweise fand sie in Fräulein Keller sowie den Krankenschwestern Marianne Benz und Ursula Müller bald Helferinnen, die sich dem gleichen Ziel, dem Wohle notleidender Kinder, verschrieben hatten.

Geschrieben am 6. Dezember 2009 | Abgelegt unter |