Der nachfolgende Text wurde von Hanna Wilde und Mitarbeitern aus Nettelstedt verfasst und wurde aus dem Heft “Neue Nettelstedter Blätter” Nr. 35 entnommen.

Heimkinder vor dem Portal des Speisesaales Foto: Eva Kramer
Aus Beratungen mit der LVA in Münster und den Jugendämtern wußte Hedwig Piepenbrock, daß für die Heimerziehung milieugeschädigter Kinder damals dringend Plätze gesucht wurden. Sie besprach die Chance der Neuorientierung mit ihren Mitarbeiterinnen, von denen einige vor dieser neuen Aufgabe zurückschreckten. Aber sowohl Dr. Thede als auch die meisten Mitarbeiterinnen stimmten zu, obgleich für sie alle dieses rein pädagogische Gebiet der Betreuung recht unbekannt war. Für die dauerhafte Erziehung milieugeschädigter und oft schwer lenkbarer Kinder bedurfte es überdies beachtlicher Umbauten in beiden Häusern, um ihnen ein zweites Zuhause zu bieten. Den Aspekt der Beschulung beachtete man zunächst kaum. Die Überlegungen und Pläne waren gerade bis zur Entscheidung herangereift, als im Februar 1962 der Rektor i.R. Karl Meyer-Spelbrink starb. Der Rückblick auf sein Lebenswerk in Presse und Rundfunk – damals wurde eine Schulfunksendung in der Reihe: “Helfer der Menschheit” seiner Person gewidmet – war ehrenvoll, erleichterte die Neuorientierung aber nicht. Denn in Nettelstedt mußte für den Vorsitz der Stiftung eine neue Persönlichkeit gefunden werden, die in der Lage sein sollte, alle Pläne zwischen der Heimleitung, dem Gemeinderatund den beteiligten Behörden abzustimmen. Die im gleichen Jahr erfolgende Besetzung mit dem Dortmunder Stadtrat a.D. Hansmeyer war für die notwendigen Verhandlungen mit Ämtern sehr vorteilhaft. Der Heimleiterin ließ er künftig freie Hand. Für die wichtige Kooperation mit den dörflichen Instanzen im Gemeinderat, der Schule und der Spielgemeinde hatte er wegen der Entfernung wenig Gelegenheit. Dieses Manko konnte auch der engagierte Heimarzt und stellvertretende Vorsitzende Dr. Kurt Thede nicht beheben.

Karl Meyer-Spelbrink im Alter (1889-1962)Foto: E. Kramer
So wurden der Gemeinderat, die Schulleitung und die Bevölkerung des Dorfes durch die erste Zuweisung milieugeschädigter Kinder in das Nettelstedter Heim und in die dortige Schule im Mai 1962 völlig überrascht. Die 1927 eingeweihte Gemeindeschule war längst für die Aufnahme der damals 242 Dorfkinder zu klein. Nun sollten 70 Heimkinder hinzukommen, was nach den einschlägigen Richtlinien mindestens zwei volle Schulklassen bedeutet hätte. Zudem war die Schule inzwischen “in ihrer inneren und äußeren Form einschließlich der Lehrmittel veraltet”, wie der eben erst eingeführte Rektor Hans Zachariat in seiner Chronik schreibt. Er erfuhr von der zwischen LVA, dem Vorstand der Stiftung und der Regierung in Detmold vereinbarten Umstellung erst durch ein Schreiben des Schulrates. Dem Nettelstedter Gemeinderat ging die Mitteilung etwa gleichzeitig im Mai 1962 durch den Amtsbürgermeister in Gehlenbeck zu. Angesichts dieser Überraschungen erklärt sich der Beschluß des Nettelstedter Gemeinderates vom 13.06.1962 zu einer glatten Ablehnung der “Einschulung schulpflichtiger Kinder aus dem Kinderheim”. Die Gemeindekasse sei eben mit dem Bau der Kanalisation hoch belastet. Die gewählten Vertreter schlugen vor, das Kinderheim möge selbst eine Ersatzschule einrichten, damit die Heimkinder dort ihren Unterricht erhalten könnten.

Schule vor dem Erweiterungsbau etwa 1962 Foto : Zachariat
Dieser Beschluß des Gemeinderates wurde durch die Presse in der Dorfbevölkerung schnell bekannt. Sie reagierte zunächst mit empörter Ablehnung. Scharfmacher sprachen von “Verbrecherkindern” und erinnerten an die angeblich schlechten Erfahrungen mit den NSV-Kindern zwischen 1939 und 1945. In anderen Gemeinden hätte man solche Reaktionen wohl erwarten können, für Nettelstedt war der offene Zwist jedoch befremdlich und wurde später durch die Verhandlungspartner am Ort, Hedwig Piepenbrock und Rektor Zachariat, ausdrücklich bedauert. Im Juni 1962 waren aber auch die Nettelstedter Lehrer und Schulrat Schettler gegen eine Aufnahme der Heimkinder. Trotzdem kam es schon im Juli zu einer Ortsbesichtigung der regierungsamtlichen Baukommission, zu der die Gemeindevertreter nicht eingeladen worden waren. So verwundert es nicht, daß der Gemeinderat in erneuter Sitzung Ende August den offiziellen Beschluß der Regierung zur Erweiterung der Nettelstedter Schule vehement ablehnte. Der vielen Nettelstedtern so vertraute, damalige Amtsoberinspektor Tiemeyer teilte der Stiftung stellvertretend für den Amtsbürgermeister diesen Beschluß mit und schloß sich ausdrücklich der Empfehlung der Gemeindevertreter zur Einrichtung einer Ersatzschule im Kinderheim an. “Nur so kann die dringend notwendige Einheit der Dorfgemeinschaft Nettelstedt (Gemeinde, Spielgemeinde und Kinderheilstätte) erhalten werden”, schrieb er dem Vorstand. Herr Zachariat erläuterte auf ein Protestschreiben hin der Witwe des verstorbenen Rektors, Frau Hedwig Meyer-Spelbrink, die Gründe für die Ablehnung. Er verwies darin auf seines Vorgängers vielfach erhobene Forderung nach einer “dorfeigenen Schule” als Zentrum dörflicher Kultur in pädagogischen Gremien der GEW. Die Aufnahme von 70 dorffremden Kindern müsse doch zu einer Überfremdung führen, so führte er aus. Die ganze Situation trieb auf eine heftige Kontroverse zu. Erst die direkte Kontaktaufnahme zwischen Frau Piepenbrock mit ihren Mitarbeitern und der Lehrerschaft unter Rektor Zachariat hat eine solche Zuspitzung in Nettelstedt verhindert. Die Lehrer und die Elternvertreter erläuterten den künftigen Heimerziehern und der Landesrätin Dr. Scheuner, daß eine Integration der fremden Kinder in die Dorfgemeinschaft nur möglich sei, wenn sie altersmäßig normal gemischt seien und sich über alle 8 Jahrgangsklassen der Schule verteilen würden. Zudem müsse auf eine Zuweisung von Kindern aus kriminellem Milieu grundsätzlich verzichtet werden. Dem stimmte das Landesjugendamt zu. Die Heimerzieher konnten die Elternvertreter und Lehrer davon überzeugen, daß im Heim eine günstige Erziehungswirkung nur erzielt werden könne, wenn die Kinder in eine “normale” Schule, nicht in eine “Ersatzschule” gehen dürften. Bald sah man im Dorf die Möglichkeit, den längst notwendigen Erweiterungsbau mit dem Konzept der Regierung zu verbinden. Es waren vor allem die Eltern Nettelstedter Schulkinder, die sich der Einschulung milieugeschädigter Heimkinder seit 1963 nicht mehr versperrten und eine Änderung des Gemeinderatsbeschlusses herbeiführten. Diese positive Lösung der Kontroverse ist sicher ein Ruhmesblatt in der Geschichte der Nettelstedter Dorfbevölkerung. Über den in den folgenden Jahren realisierten Erweiterungsbau der Nettelstedter Schule werden wir in einem der nächsten Hefte der “Neue Nettelstedter Blätter” berichten. Hier sei nur angemerkt, daß die LVA in den folgenden Jahren bei der Auswahl von Heimkindern sehr umsichtig vorging, und die Differenzen zwischen Heim und Schule damit endgültig beigelegt wurden. Dennoch ergab sich in der Folgezeit eine gewisse Distanzierung zwischen Dorfbevölkerung und Heimbewohnern. Durch den Neubau der Kirche und ihres schönen Gemeindehauses im Dorfzentrum hörte der Saal des Kinderheimes auf, einziger Raum für große Versammlungen zu sein. In ihm hatten die Treffen der Spielgemeinde und ihre Seniorennachmittage stattgefunden. Der Posaunenchor hatte seinen alljährlichen, feierlichen Umzug durch alle Teile des Dorfes am Morgen des ersten Advent regelmäßig im Heim enden lassen, wo die Bläser mit einem kräftigen Frühstück empfangen wurden. Das änderte sich nun. Als dann auch noch im Anbau der Schule eine große Pausenhalle und auf dem Hünenbrink ein Spielerheim gebaut wurden, reduzierten sich die Gelegenheiten zum Treffen im Heim immer weiter.

Bau der Kirche im Jahre 1959 Foto: Stricker
Die enge Verbindung zwischen den Dorf- und den Heimkindern bestand aber weiter. Sie wurde durch die beiden ersten Pastoren der jungen Kirchengemeinde Nettelstedt, Friedrich Wilhelm Halemeyer und Klaus Richter, sowie ihre Familien intensiv gepflegt. Sie haben in den folgenden Jahren viele Heimkinder im Konfirmandenunterricht betreut und konfirmiert. Die Heimerzieher bemühten sich, das Konfirmationsfest so schön zu gestalten, wie es auch in den Familien üblich war. Bis heute werden die damals in Nettelstedt konfirmierten Heimkinder selbstverständlich zur “silbernen Konfirmation” eingeladen. Die Freundschaften der Dorfkinder und ihrer Familien waren damals und sind z.T. bis heute ein Gewinn für beide Seiten. Lange vor Abschluß der Umbaumaßnahmen war das Heim im Jahre 1964 mit etwa 60 Kindern wieder voll belegt. Die Jahresbilanzen der Elisabeth-Meyer-Spelbrink-Stiftung beliefen sich zu dieser Zeit auf etwa 400 000 DM. Die Ausgaben für das Personal waren im Vergleich zu anderen Heimen immer noch niedrig, da die Mitarbeiter nach wie vor nur gering bezahlt werden konnten und nicht alle Stellen besetzt waren. Viel Arbeit wurde freiwillig und ehrenamtlich geleistet, wobei Hedwig Piepenbrock als Heimleiterin immer mit gutem Beispiel voranging.

Burghard Kronshage, geb. 1953, Heimkind von 1963 bis 1968
Neben Minni Keller und den Schwestern Marianne und Ursel bewährte sich als Erzieherin damals die künstlerisch begabte und pädagogisch engagierte Gertraud Rothe. Sie wurde eine der besonders verehrten mütterlichen Betreuerinnen und hat die Zusammenarbeit mit den Lehrern in der Schule vielfach befruchtet. Zu den von ihr zusammen mit allen Gruppen vorbereiteten Festen im Heim kamen Ehemalige so gern wie Dorfkinder, und auch erwachsene Besucher hatten ihre Freude. Über die Jahre 1962-1976 schrieb sie uns soeben den folgenden Bericht:
Als Ende der fünfziger Jahre die TBC durch neue Medikamente, vielleicht auch durch das Leben im Wohlfahrtsstaat immer mehr zurückging, mußte man sich im Kinderheim über seine Zukunft Gedanken machen. Das Landesjugendamt schlug vor, sich der schwieriger werdenden Situation milieugeschädigter Kinder anzunehmen und versprach, die “leichtesten” Fälle dem Heim in Nettelstedt zu schicken, damit die Kinder die Volksschule besuchen und damit bald wieder in ein geordnetes Leben zurückgeführt werden könnten. Der Vorschlag wurde angenommen, und es begann ein emsiger Umbau. In der Liegehalle, die bisher 52 Liegestühlen Platz geboten hatte, entstanden 3 Schlafzimmer, ein Wohn- und Schularbeitenzimmer, eine kleine Teeküche sowie ein Waschraum mit Toilette. Parallel zu dieser Verwandlung wuchs unsere Spannung und Erwartung auf die neuen Kinder. Wir Betreuungskräfte waren zuvor zu Kurzschulungen geschickt worden, denn keine von uns war in dieser Richtung vorgebildet und ahnte, was da auf uns zukam. Zum Glück! Wer weiß, ob wir unserer “Tante”, Hedwig Piepenbrock, sonst treu geblieben wären! Nur wenige Beispiele mögen genügen, um sich eine Vorstellung zu machen, was für Kinder sich da zusammenfanden. Der Jüngste, also noch nicht 6 Jahre alt, entsprach in seiner Entwicklung einem dreijährigen Kleinkind. Er war zuvor zum “Töpfen” noch angebunden worden und hatte keine Möglichkeit gehabt, altersgemäße Erfahrungen zu sammeln. Ein Zehnjähriger kam als “Bettnässer” aus einem Heim, das aufgelöst wurde. Er erzählte, daß sie jeden Morgen antreten mußten, und wer sein Bett nass hatte, bekam mit dem Handfeger Schläge auf die vorgestreckten Hände. Bettnässer gab es unter diesen heimatlosen Kindern genug, einmal waren es sieben in meiner Gruppe. Man kann sich vorstellen, daß diese neue Arbeit von uns nur dank der liebevollen, mittragenden Führung und Hilfe Hedwig Piepenbrocks und durch die große Harmonie unter allen am Heimleben Beteiligten bewältigt werden konnte. Was haben wir nicht alles aufstellen müssen, ehe abends die Kinder zur Ruhe kamen! Für mich erwuchs daraus die Aufgabe, diesen Kindern, die kein richtiges Familienleben kannten, das Leben im Heim so familiär wie möglich zu gestalten und sie so sinnvoll zu beschäftigen, daß für all das Ungute, das sie mitbrachten, kein Platz mehr war. So fügte ich dem Leitsatz: Erziehung ist Beispiel und Liebe, noch: und die richtige Beschäftigung, hinzu. Dank all der lieben Mitarbeiter wurde es möglich, den Kindern nach und nach das Gefühl einer Heimat zu geben. Dafür einige Beispiele. August Gnade baute uns ein großes Vogelhaus, damit wir wirklich eine Wellensittichzucht anmelden konnten. Er setzte uns einen Meerschweinchenstall vors Fenster, damit die Kinder lernten, sorgsam mit Tieren umzugehen. Dazu mußten auch unsere Hunde: Heike, Larry und Zippel beitragen. Zum Faschingsfest baute er uns ein großes Schiff, in dem alle 10 Matrosen Platz fanden und “Onkel Doktor” als Schiffsarzt uns sicher um die ganze Welt steuerte. Oder August Gnade baute uns eine große Rutsche vom Kasperlezimmer in den Eßsaal, als das Thema hieß: Jahrmarkt in Nettelstedt. So gaben uns die Jahresfeste, angefangen mit dem Winteraustreiben, Fasching, Ostereiersuchen auf dem Hünenbrink, das Maikäferkrabbelfest, das uns die Pfingstferien überbrücken half, das viele Jahre lang geliebte Schwalbenfest, dessen Ursprung “Dresings Vater” zu verdanken war, Herbstbastelschauen und schließlich das Weihnachtsspiel mit dem Abschluß des Jahres, als die heiligen drei Könige durchs Haus zogen, einen festen und anspruchsvollen Rahmen. Vom Gymnasium in Lübbecke erbat, ich mir Fahrräder, die dort im Austausch gegen Motorräder überflüssig wurden, so daß die Jungen bald tüchtige Radler wurden, unter Polizeiaufsicht den Radfahrführerschein erwarben und wir lange Radtouren zwischen Lübbecke und Minden z.B. zu dem schönen Freibad in Gehlenbeck und in unser Moor unternehmen konnten. Ein mühsames Kapitel war es, diese Kinder zum Lesen und zur richtigen Einstellung zu den Büchern zu erziehen. Ganze Seiten wurden anfangs beschmiert, rausgerissen, die Bücher flogen gegen die Wände und Köpfe oder wurden sonstwie zweckentfremdet. Aber wir schafften es, daß die “Kinderlesestunde”, in der nicht gesprochen werden durfte, gern besucht wurde. Zum Schluß besaß das Heim eine stattliche Jugendbücherei von über 300 Bänden mit den Neuerscheinungen, die oft in der Schule erwähnt wurden. Und wie war es mit der Schule? Die Beantwortung dieser Frage ergäbe ein Thema für sich. Wir waren den Lehrern der Nettelstedter Schule sehr dankbar, daß sie so viel Verständnis für unsere Kinder und unsere Arbeit aufbrachten, denn leicht oder gar sorgenfrei war sie bestimmt nicht, aber doch so schön, daß ich nach über 30 Jahren dankbar darauf zurückblicke und mich über den Auftrag, darüber für die Nettelstedter Blätter zu berichten, gefreut habe.
Gertraud Rothe, Johanneshaus am 21.03.99

Heimkinder bei der Nachbarin Marie Pyrsch Foto: G. Rothe
Sicher blieb die Heimerziehung milieugeschädigter Kinder schwieriger als die Familienerziehung, aber die Jahre im Kinderheim Nettelstedt haben bei den damaligen Jugendlichen, Erziehern und Lehrern überwiegend gute Erinnerungen hinterlassen. Schwester Marianne erzählt gern die Geschichte eines besonders “bockigen” und schulunlustigen Jungen im Pubertätsalter, der eines Tages von der Schule die Mitteilung seiner bevorstehenden “Abschulung”, einen sogenannten “blauen Brief”, erhielt. Als sie dem Jungen, der gerade krank zu Bett lag, den Brief übergeben habe, sei er aufgesprungen und habe gerufen:
“Ich schreibe an Herrn Zachariat! Ich schreibe ihm sofort. Wenn ich von Nettelstedt weg muß, ist es aus mit mir”.
Er setzte sich sofort hin und schrieb. Der tränenverwischte Brief führte zum Erfolg. Der Junge durfte bleiben, gab sich nun größere Mühe und schaffte tatsächlich den Hauptschulabschluß. Stellvertretend für andere fügen wir hier die Erinnerungen des in Nettelstedt noch wohlbekannten Romas Reimann ein.
…….Ja, der Hünenbrink, der bleibt – glaube ich – mein Leben lang in Erinnerung. Jedesmal, wenn ich als Junge Probleme hatte, halfen mir der Turm und die Bühne, das Problem zu verringern. Ich schlich dann aus dem Kinderheim und setzte mich allein auf die Zuschauerbänke und träumte meine eigenen Bühnenstücke. Nach ein bis zwei Stunden fühlte ich mich wieder sauwohl und richtig zufrieden. Als ich in das Kinderheim kam (1962), konnte ich mich erst gar nicht eingewöhnen. Zwei- bis dreimal bin ich aus dem Heim fortgelaufen; aber jedesmal holte mich Herr Gnade wieder zurück; bis zum letzten Mal, da gab es “Saures”. Ohne Abendessen mußte ich ins Bett, Herr Gnade sorgte dafür. Er fuhr dann nach Hause, aber die Heimleiterin Piepenbrock hatte Erbarmen. Sie holte mich heimlich in die Küche und machte mir ein paar Butterbrote. Von da an war ich ganz anders und war froh, daß ich in diesem Heim sein konnte. Bei der Familie Gnade hatte ich danach richtigen Familienanschluß. Alles lief super. Mir brachten sie das Rechnen bei, und ich durfte öfters bei ihnen zu Hause sein. Mein Taschengeld verdiente ich bei Herrn Gnade in der Kinderheim-Apfelmosterei. Ich glaube, ich hatte 40 oder 50 Pfennige. Donnerwetter, was hatte ich viel Geld! Mit der Schulentlassung im Jahre 1965 mußte ich leider aus dem Heim. In der Schule hatte ich gute Kontakte zu Nettelstedter Schülern. Sehr viele kenne ich noch heute nach 34 Jahren. Zur silbernen Konfirmation 1991 in Nettelstedt wurde ich auch eingeladen, und Erinnerungen wurden aufgefrischt. In Erinnerung sind mir die Bühnenstücke, die Fahrradtour nach Bremen, die Backsteinstutenfeste und die Weihnachtsfeste. Die Kerzen haben wir Kinder immer selber hergestellt….. Als Erwachsener träumte ich oft von einem Lottogewinn, um das Heim zu kaufen; aber bekanntlich ist ja alles anders gekommen. Wenn man die Zeit zurückdrehen könnte, wäre ich gern wieder 12 bis 13 Jahre alt und wieder im Kinderheim Nettelstedt. Noch heute fahren meine Familie und ich nach Nettelstedt, weil ich meine, es war meine beste Kinderzeit und weil ich neugierig bin, wie Nettelstedt sich verändert.
Romas Reimann, Schloß Holte, 23.03.99

Gertraud Rothe mit ihrer Gruppe bei Steinmeiers auf dem Aspel Foto : G. Rothe
Die besonders aufmerksame Betreuung durch die genannten Frauen fand ihre günstige Ergänzung durch mehrere “Väter”, zu denen der unermüdliche “Onkel Doktor” Thede gehörte. Obwohl man eines so qualifizierten Facharztes eigentlich nicht mehr bedurft hätte, widmete er sich “seinen” Kindern weiterhin durch mehrfache Besuche in jeder Woche. Er kannte jeden mit Namen und brachte oft herrliche Geschenke mit. Seine Zusammenarbeit mit der Heimleiterin Hedwig Piepenbrock war von tiefem Respekt vor ihrer Leistung und ihrer Person bestimmt. Noch unentbehrlicher für die Erziehung war der “Hausvater” August Gnade, wie man den Erinnerungen Romas Reimanns entnehmen kann. Ohne seine organisatorische und handwerkliche Hilfe wäre manches Fest nicht zustande gekommen. Die Ferienfahrten und Zeltlager, die viele Ehemalige im Gedächtnis haben, wären von den “Tanten” allein wohl nicht durchzuführen gewesen. Die handwerkliche Anleitung vieler Jungen und Mädchen in seiner Werkstatt war mustergültig.

Dr. Kurt Thede 1911-1990 Foto: Pescht
Angesichts solcher Mitarbeiter war die Pensionierung Hedwig Piepenbrocks im Jahre 1967 zwar ein spürbarer Einschnitt, er wirkte sich aber auf die Gesamtsituation nicht gravierend aus. Sie hatte ihren Nachfolger, Herrn Soz. Päd. Hans Moritz, zuvor einarbeiten können. Als er mit Gertraud Rothe zum ersten Ehemaligentreffen 1971 einlud, kamen die meisten der 174 bis dahin Betreuten, von denen mancher inzwischen erwachsen war. Es waren so viele, daß im Steinbruch ein Zeltlager errichtet werden mußte. Wie Romas Reimann traf man auch Freunde im Dorf, die am Fest teilnahmen. Unter den geladenen Gästen waren der Nettelstedter Schulleiter Rektor Zachariat, Pastor Richter und Stadtdirektor Tiemeyer. Die Stadt Lübbecke übernahm damals gerade den Grundbesitz des Hünenbrinks, für dessen Pflege die Stiftung inzwischen nicht mehr aufkommen konnte. Durch diese Trennung wurde aber die innere Verbindung zwischen Heim und Spielgemeinde nicht aufgegeben. Weiterhin wirkten manche Heimkinder und Mitarbeiterinnen des Heimes auf der Freilichtbühne mit.
Diese günstige Erziehungssituation in einem großen Heim ließ sich im Verlauf der siebziger Jahre nicht mehr aufrecht erhalten. In seinem Rückblick unter dem Titel: “Ich erinnere mich” (1985), nennt Dr. Thede als letzter Vorsitzender der Stiftung drei Gründe für die Veränderung:
- die steigenden Anforderungen durch die Jugendämter hinsichtlich Zahl und Qualifikation der Erzieher und Betreuer
- wachsende Ansprüche an Unterbringungsmöglichkeiten, die zu einer Verringerung der Belegzahlen führten
- die Bevorzugung kommunaler Heime bei der Belegung durch die Jugendämter.
Der damalige Heimleiter Moritz fügte jüngst in einem Gespräch zwei weitere Gründe hinzu:
- die mit der erwähnten Entwicklung nicht Schritt haltende Anhebung der Pflegesätze und
- die rasche Aufzehrung des Stiftungsvermögens durch notwendige Abschreibungen.
Die Jugendämter bevorzugten nun familienähnliche Modelle mit Wohngemeinschaften, in denen das Zahlenverhältnis zwischen Erziehern und Betreuten sich erheblich verschob. Außerdem wiesen die Jugendämter milieugeschädigte Kinder lieber in kleine Familien ein. Diese Wendung hatte ihre guten Gründe. Für die private Elisabeth Meyer-Spelbrink-Stiftung wurde die Bezahlung der vielen benötigten Angestellten und ihre Koordination zu einer stimmigen Erziehung für jedes einzelne Kind immer schwieriger. Die Spielgemeinde konnte nun längst keine Überschüsse mehr erwirtschaften, sondern war ihrerseits auf Zuschüsse angewiesen. Oft erhielt das Kinderheim bemerkenswerte Spenden von Sponsoren aus dem Altkreis Lübbecke. Aber wieder, wie um 1960 herum, ließ die regelmäßige Auslastung des Heimes zu wünschen übrig, und die laufenden Defizite konnten durch Spenden nicht ersetzt werden. Eine erneute Umorientierung auf kleine Wohngruppen war zu kostspielig, als daß eine private Stiftung sie auf Dauer hätte leisten können.
So mußte Dr. Thede im Jahre 1976 den Vorsitz der Stiftung bereits unter ungünstigen Umständen übernehmen. Er fand in der Person des Erziehers Horst Schwarz nach dem Ausscheiden von Hans Moritz (1975) noch einmal einen Heimleiter, der willens war, den nunmehr etwa 50 Kindern ihre zweite Heimat zu erhalten. Aber auch er mußte bald feststellen, daß sich allein von den Pflegesätzen das Heim nicht erhalten ließ. Dr. Thede suchte daher zunächst nach neuen, zahlungskräftigen Trägern, z.B. der LVA oder der Lebenshilfe. Beide lehnten die Übernahme der Anlagen ab. Durch Vorträge, Presseaufrufe und Ausschreibungen seitens der Stadt Lübbecke kam es zu Übergabeverhandlungen, die alle nicht zum Ziel führten. In diesen Jahren gingen z.T. beachtlichen Spenden ein, allein sie konnten auf Dauer die Haushaltslöcher nicht stopfen.
So kam es schließlich am 30.6.80 zur Schließung des Kinderheimes, zur Entlassung des Personals und zu Verhandlungen über die Auflösung der Kinderheimstiftung. Zeitweilig wohnte Schwester Marianne ganz alleine im sog. Neubau, um mit Hausmeister Horstmann zusammen die Gebäude ein wenig zu beschützen. Als zu dieser Zeit einmal ein Ehemaliger das Heim mit seiner Frau besuchte, ihr angeregt erläuterte, wo er gewohnt und welche Ecken ihm besonders vertraut gewesen seien, rief er erstaunt aus: “Und wo sind nun all die Kinder?” Schwester Marianne antwortete: “Das Heim ist geschlossen. Hier leben keine Kinder mehr”. Da sagte er verwundert: “Was sagen Sie, das hier soll ein Heim gewesen sein ? Hier war man doch Zuhause!”