Das Kinderheim als Kurheim für tuberkulosegefährdete Kinder (1947-62)

Der nachfolgende Text wurde von Hanna Wilde und Mitarbeitern aus Nettelstedt verfasst und wurde aus dem Heft “Neue Nettelstedter Blätter”  Nr. 35 entnommen.


Hedwig Piepenbrock (1902 -1989) mit TBC-gefährdeten Kindern im Saale
des Kinderheimes um 1950

In den anderthalb Jahren vor der Währungsreform 1948 war der Betrieb eines Kurkinderheimes angesichts der sich ständig verschlechternden Ernährungs- und Wohnungslage bestimmt keine leichte Aufgabe. Schwester Marianne Benz schreibt dazu:

Bei 70 kranken Kindern, die ab Januar 1947 zu pflegen und zu versorgen waren, gab es krankenpflegerisch einiges zu tun. Sehr unbeliebt habe ich mich gleich in den ersten Tagen durch heiß gemachten Lebertran gemacht, der natürlich schlimm duftete, aber den entzündeten Drüsen auch half. Was hatte man damals alles nicht, was so dringend erforderlich gewesen wäre? Uns fehlten neben gesunden Nahrungsmitteln zunächst alle medizinischen Geräte zur Diagnose und zur Therapie. Immerhin konnten wir die gesunde Waldluft bieten. Bis zum April 47 versorgte Frau Dr. Deneke die kranken Kinder ärztlich. Ich musste noch viel lernen, um die vielen Vordrucke der LVA oder anderer Kostenträger fachgerecht ausfüllen zu können.

Am 1. April kam dann Dr. Thede als Internist mit besonderen Kenntnissen bei Lungenerkrankungen zu uns. Fräulein Brinkmeier vom Gesundheitsamt Lübbecke hatte Hedwig Piepenbrock den Hinweis auf diesen stellungslosen Flüchtlingsarzt gegeben. In seinen Anforderungen an die Pflege war er unerbittlich. O, was kam da auf uns zu! Fiebermessungen und -eintragungen durften nie ausfallen. Dabei fehlten selbst einfache Thermometer. Zwölf Thermometer hatten wir schließlich zusammen für 70 Kinder, die wir täglich zweimal messen mussten. Leider ging manchmal eines zu Bruch. Bei einer Apotheke im Umkreis konnten wir gegen etwas NSV-Butter ein neues Messgerät bekommen. Dreimal wöchentlich kam Dr. Thede auf seinem Motorrad angefahren, zuerst von Getmold, später von Lübbecke. Nur eines Handschlages hatte es zwischen ihm und Meyer-Spelbrink bedurft, um seine verantwortliche Mitarbeit für die nun folgenden Jahrzehnte zu gewinnen. Bei einem anfänglichen Pflegesatz von 9,75 RM blieben für uns Schwestern und den “”Onkel Doktor”" nur kümmerliche Löhne übrig. Aber die Heilerfolge bei unseren kleinen Patienten machten uns glücklich.


Dr. Kurt Thede mit Heimkindern 1952

Nun will ich aber auch die Kinder aus dieser Zeit sprechen lassen. Ein Vater aus Gehlenbeck brachte eines Tages seine gut zweijährige Tochter zur Kur und sagte beim Abschied: “Papa geiht jüste int Dorp”. Diesen Satz wiederholte sie nun in den nächsten Tagen immer wieder. Manchmal fügte sie hinzu: “Ik mot in’n Kücken gohn”. Da fühlte sie sich wohl. Oder ich denke an ein Abendgebet in dem großen Schlafsaal mit 18 Betten:  “Müde bin ich, geh zur Ruh, schließe beide Äuglein zu”, Stimme eines Vierjährigen: “Ich lasse meine Augen aber noch auf”.

Nach der Währungsreform im Jahre 1948 konnten wir mit Zuschüssen der LVA die dringend benötigte Liegehalle unter dem Hünenbrinkshügel anbauen. Die zentrale Betreuung aller Kinder an Vormittagen brachte uns große Erleichterung. Für die Einrichtung der Halle reichten die Zuschüsse freilich nicht, denn Aufbaudarlehen wurden wegen der Treuhandverwaltung nicht gewährt und die Spielgemeinde arbeitete noch nicht wieder auf dem Hünenbrink. Aus englischen Feldbetten wurden die ersten Liegen geschaffen. Aber niemand war damals verwöhnt.

Von 1947 bis 1957 wurden mehr als 1200 Kinder aufgenommen. Oftmals kamen auch Jugendliche. Kleine und Große vertrugen sich immer gut. Nach der Pensionierung des Rektors und seinem Einzug in das Dachgeschoss im sog. Neubau nahm er die älteren Kinder oft zu sich in die Wohnung und erzählte mit ihnen. Das waren gute Stunden für die Großen. Man glaubt heute überhaupt nicht, mit wie wenig Personal wir damals diese vielen Kinder betreut haben! In der Küche, der Kinderpflege und der Verwaltung waren in den ersten Jahren nach dem Krieg nie mehr als 10 Personen tätig.


Die Schwestern Marianne Benz und Ursula Müller um 1960

Das Jahr 1948 brachte trotz der günstigen Auswirkungen der Währungsreform zunächst neue Schwierigkeiten. Die Regierung stoppte ihre Bemühungen um die endgültige Freigabe des Kinderheimes mit dem Hinweis, die ehemals gemeinnützige Stiftung existiere ja nicht mehr und in private Hände dürfe das Treuhandvermögen nicht kostenlos fallen. Zwar gab es noch die Statuten der 1938 liquidierten Stiftung “”Kinderheim Nettelstedt”", aber sie mussten nach neuem Recht durch das Kabinett der Regierung Nordrhein-Westfalen anerkannt werden, und bis dahin bewegte sich in der Freigabe nichts. Ohne die Hilfe tüchtiger Juristen war aber die Genehmigung des Kabinetts in Düsseldorf nicht zu erwirken, und für deren Bezahlung war kein Geld da. In dieser Situation bewährte sich die frühere Zusammenarbeit der Nettelstedter Lehrer mit dem westfälischen Lehrerverein (siehe “Neue Nettelstedter Blätter” Heft 33). Er schloss sich gerade als Verband der GEW dem deutschen Gewerkschaftsbund an, und sein Vertreter, Stadtrat Hansmeyer aus Dortmund, übernahm für Meyer-Spelbrink und Körte nun die Verhandlungen zur Anerkennung einer neuen, gemeinnützigen Kinderheilstätte, “”Elisabeth Meyer-Spelbrink-Stiftung”" genannt. Mit dem Namen wurde die erste Frau des Rektors geehrt, die aus Sorge um ihren Mann in der NS-Zeit ihre Gesundheit verloren hatte. Sie starb im Jahre 1942.

Zwar zogen sich die Verhandlungen mit dem Kabinett in Düsseldorf noch bis 1953 hin, aber das Landesverwaltungsamt sah die Zukunft wieder als gesichert an und war bereit, außer den Unterhaltskosten auch die Investition einer Liegehalle teilweise zu tragen. Gern hätte man der Lehrer-Gewerkschaft, die im Kuratorium der Stiftung vertreten war, auch den Wirtschaftshof für Tagungszwecke verkauft, da er nach der Währungsreform nicht mehr benötigt wurde. Dieser Plan ließ sich aber nicht realisieren, weil Nettelstedt in Ostwestfalen für die Lehrer des neuen Bundeslandes zu entlegen war.

Nicht nur die Errichtung der Liegehalle, sondern auch die Wiedereröffnung der Freilichtspiele auf dem Hünenbrink nach fast zehnjähriger Pause im Jahre 1949 brachten dem Dorf einen mächtigen Impuls zu gemeinschaftlicher Anstrengung. Wie nach dem I. Weltkrieg auf Surmeiers Deele versammelten sich am Ostersonntagmorgen 1949 die Überlebenden auf den wenigen verbliebenen Bänken des großen Zuschauerraumes des Hünenbrinks. Martin Simon fehlte und so viele andere, aber Korte und Dr. Schulze beschlossen, mit einer neuen Spielgemeinde und Goethes Götz von Berlichingen einen Neuanfang zu versuchen. Er gelang. Als die mächtige Hünenbrinkstimme des Götz (Korte) bei der ersten Probe der Eingangsszene “”Herberge im Wald”" wieder erscholl mit dem Ruf : “Georg, hört der Junge nicht, Georg!”, und der junge Dieter Stüssel mit heller Stimme antwortete: “Gestrenger Herr!”, da traten manch altem Spieler Tränen der Rührung in die Augen. Alle dachten sie an Willi Hucke, den in Rußland gefallenen Darsteller des Georg aus der Aufführung von 1932. Die gewisse Hoffnung verbreitete sich, dass dieser Neuanfang gelingen müsse, um so wieder dem Kinderheim zu dienen, in dem Dieter und Rolf Stüssel nun unter Hedwig Piepenbrocks Obhut eine neue Heimat gefunden hatten.


Götz von Berlichingen und Georg in der Aufführung 1949

Die Menge der Besucher und die Erfolge dieser ersten Neuinszenierungen auf dem Hünenbrink nach dem II. Weltkrieg hat zuletzt Jörg Röding in der Festschrift zum 75-jährigen Jubiläum dargestellt. Am Erfolg waren die Bewohner und Mitarbeiter des Kinderheimes nicht unbeträchtlich beteiligt, hatten sie doch anfangs den Verkauf der Eintrittskarten und die Abrechnung der Einnahmen übernommen, wirkten auf der Bühne mit, stellten in der Person von Schwester Ursel Müller die vorgeschriebene Sanitäterin für Spieler sowie Zuschauer und öffneten das Heim wieder für Empfang und Bewirtung der zahlreichen Ehrengäste. Schwester Ursel erinnert sich noch heute mit Aufregung daran, wie sie ohne jede Erfahrung die erste intravenöse Spritze geben musste, da sonst das Spiel nicht hätte stattfinden können. Da im Heim nun lauter TBC-gefährdete Kinder lebten und der Ausbruch offener Tuberkulose nie ausgeschlossen werden konnte, waren der Begegnung zwischen Heim- und Dorfbewohnern natürliche Grenzen gesetzt. Sie wurden verstärkt durch die unglaubliche Arbeitslast, die jene ersten Mitarbeiter unter Hedwig Piepenbrocks Leitung damals zu leisten hatten. Dafür kamen die Überschüsse aus dem Spiel zum Teil dem Heim wieder zugute, denn an der Finanzierung der Liegehalle konnte sich die Spielgemeinde mit einem hohen Beitrag beteiligen.


Südseite des Kinderheimes mit Liegehalle und Schwesternheim um 1955
Foto: Eva Kramer

Als im Jahre 1951 das Wittekindspiel von Heinrich Römer nach der Uraufführung 1932 noch einmal aufgeführt wurde, strömten wieder Tausende von Zuschauern aus Wittekinds Heimatland hinauf auf den Hünenbrink, vorbei an der neuerbauten Liegehalle des Kinderheimes. Zur Premiere war der Autor aus Norddeutschland gekommen, Regierungspräsident Dr. Galle hielt die Eröffnungsrede und vergaß nicht, auf die enge Verbindung zwischen Spielgemeinde und Kinderheim sowie die Verflechtung der kulturellen und sozialen Arbeit in Nettelstedt hinzuweisen. Nun konnte Rektor Meyer-Spelbrink den Erfolg des Neuanfangs nach dem II. Weltkrieg für gesichert halten. Nach 32 Jahren der Tätigkeit gab er die Leitung der Schule an seinen Freund Korte ab, bald darauf auch den Vorsitz in der Spielgemeinde. Mit der künstlerischen Leitung auf der Bühne beauftragte diese den als Regisseur längst bewährten Dr. Hermann Schulze. Meyer-Spelbrink widmete sich nun vorrangig der Leitung und dem Ausbau des Kinderheimes. In Zusammenarbeit mit der GEW hielt er in ganz Deutschland Vorträge über die Bedeutung der “”Schule als Zentrum dörflichen Lebens”". Damals gründete er die Zeitschrift für Ortsgeschichte, die “”Nettelstedter Blätter”". Bis zu seinem Tod im Jahre 1962 hat er von seinem neuen Wohnsitz hoch oben im Neubau des Kinderheimes aus 27 Hefte herausgegeben, für deren Gestaltung er die wertvolle Hilfe des nach Nettelstedt geflüchteten Grafikers Helmut Richter fand. Die seit 1984 erscheinenden “”Neuen Nettelstedter Blätter”" folgen dieser Traditionslinie.

Der Text und die Szenenbilder des Wittekinddramas sind im Gedächtnis der Nettelstedter besonders gut haften geblieben. So hatte auch der Nettelstedter Soldat Wilhelm Westerfeld Szenen aus dem Wittekindspiel im Jahre 1942 offenkundig gut im Gedächtnis, als er einem Kameraden begeistert von seinem Heimatdorf erzählte. Jener war so beeindruckt, dass er über sein Gespräch im fernen Rußland den folgenden Artikel für eine Frontzeitung schrieb. Mit seinem letzten Brief vom 29.12.1942 schickte ihn der Nettelstedter seinen Eltern per Feldpost nach Hause. Seit Januar 1943 gilt Wilhelm Westerfeld als vermisst. Wir danken Werner Schnelle für den Hinweis auf dieses Dokument.


Wilhelm Westerfeld, vermisst in Russland 1943


Wilhelm Aspelmeyer, gefallen in Rußland

Eine Frage : Kennen Sie Nettelstedt ?

Obergefreiter Erich Garstka

Ich kannte es nicht. Mein Kamerad, der Nettelstedter (Willi Westerfeld), sah mich an, als sei ich – rundheraus gesagt – verrückt und sagte, jedes Wort betonend: “Ich habe deinen Geist überschätzt, mein Lieber, Deine Allgemeinbildung hat eine gewaltige Lücke !” Denn, wie gesagt, ich wusste nicht, wo Nettelstedt liegt. Wissen Sie es ? Über vieles kann man großzügig hinweggehen; aber lassen Sie gern an Ihrer Allgemeinbildung rütteln? Das greift an! Denn wer will nicht gerne wissen, dass er viel weiß?

Schüchtern wagte ich, meinen Kameraden zu fragen, durch wen oder was dieses Nettelstedt eine gewisse Bedeutung erlangt habe, die eine Einreihung in die Allgemeinbildung rechtfertigen könne?

“Hast Du noch nie vom Kinderheim gehört, nie von der Nettelstedter Freilichtbühne, zu der jährlich Hunderttausende strömen, um ihren Geist befruchten zu lassen? Nettelstedt, die Perle des Wiehengebirges, das westfälische Oberammergau, den Luftkurort Norddeutschlands? Ich sage ja, ich habe dich überschätzt. Zwar hat Nettelstedt keinen Schiller oder Goethe hervorgebracht, aber ihre Verse können wir auswendig. Bei uns wird Arbeit auf breiter Basis geleistet. Keine Züchtung von Spitzenleistungen. Im Volk wurzelt der Geist und die Kraft, und darin liegt der Wert Nettelstedts!”

Ich konnte es nicht bestreiten. Betrübt schlich ich von dannen. Aber die Tatsache, dass meine Allgemeinbildung eine so große Lücke aufwies, wurmte in mir. Ich frage andere Kameraden, leise und schüchtern: “Kennst du Nettelstedt?”

Sie kannten es, alle, nur ich nicht. Ein rechter Mann soll seine Schwäche eingestehen. Also ging ich zu meinem Nettelstedter Kameraden, bot ihm eine Zigarre an – er rauchte so gerne Zigarren -, gestand ihm meine Unwissenheit und bat ihn, die Lücke zu schließen, mir von Nettelstedt zu erzählen.

Er ist ein guter Kamerad, prüfte die Zigarre, ob sie auch eines Nettelstedter Erdenbürgers würdig sei, lächelte großmütig und sprach: “Wer Nettelstedt kennt, muss dieses gesegnete Fleckchen Erde lieben”.

Ich nickte, denn das verstand ich.

Die Hände wie ein segnender Pfarrer weit von sich gestreckt, sagte er: “Komm, sieh und staune, und Nettelstedt wird einen Freund und Bewunderer mehr haben. Wittekinds Weg”- ich erschauerte leise vor Ehrfurcht  “führte einmal an Nettelstedt vorbei. Er gewahrte dieses Fleckchen und fragte seinen Roßwart: Knecht, wie heißt das Dorf ?”

Der Roßwart zog mürrisch seine hohe Stirn in Falten und sagte: “Wittekind, das ist Nettelstedt.”

“Nettelstedt ?… Ich kenne es nicht.”

Darauf richtete sich der Roßknecht auf seinem Rappen stolz hoch, zeigte mit der Linken auf den Flecken und rief laut: “Was, mein hoher Herr, Ihr kennt Nettelstedt nicht? Nettelstedt, die Perle des Wiehengebirges ?!! Das ist mein Heimatdorf in Westfalen. Wann komme ich dahin zurück?”

Er hatte die Szene mit innerer Anteilnahme gespielt. Ich nahm mir vor, nach dem Kriege dieses Dorf einmal zu besuchen.

Obergefreiter Erich Garstka

Geschrieben am 6. Dezember 2009 | Abgelegt unter Allgemein |