Ehemaliger Söderblomer Benjamin Müller absolviert Zivildienst in christlichem Schulungszentrum

Bethlehem/Espelkamp. Einmal Weihnachten in Bethlehem, dem Geburtsort von Jesus Christus zu verbringen, das ist für viele Christen der Wunschtraum. Deswegen pilgern Jahr für Jahr zahlreiche Touristen nach Israel, um den Heiligen Abend in der Geburtskirche verbringen zu können. Für den ehemaligen Söderblomer Benjamin Müller ist dieser Traum jetzt in Erfüllung gegangen. Er leistet – sozusagen an historischer Stätte – seinen Zivildienst ab.
Seitdem das Westjordanland durch eine Mauer von Israel getrennt ist, wurde Bethlehem völlig isoliert und viele Touristen scheinen die politische Situation umso gefährlicher einzuschätzen. Hinzu kommt die Tatsache, dass die ehemals fast ausschließlich christlich geprägte Gegend heute nur noch zu einem Drittel von Christen bewohnt wird.
Wie sie Weihnachten feiern, konnte Benjamin Müller live miterleben. Seit September leistet er seinen Zivildienst in einem christlichen Schulungs- und Freizeitzentrum in der Provinz Bethlehem, wo er auch die Weihnachtsfeiertage verbrachte. “Diese Chance werde ich nur einmal haben, also nutze ich sie auch”, begründete er seine Entscheidung, über Weihnachten nicht nach Hause zu kommen. Bereits vor dem eigentlichen Fest gab es im Beit Al Liqa’ (Haus der Begegnung) kein anderes Thema mehr als Weihnachten.
Innerhalb von fünf Tagen nahm Benjamin an vier Weihnachtsfeiern teil. Am eindrucksvollsten war für ihn die der evangelikal geprägten Gemeinden aus der Region, an der mehr als 1.000 Christen teilnahmen. “Beim Auftritt der Band sind viele aufgestanden und haben mitgesungen. Es wird viel lauter gefeiert als man es in Deutschland gewohnt ist.”
Am Sonntagmorgen machte Benjamin sich zusammen mit Colin Barth, dem zweiten Zivildienstleistenden, und Anne Stigler, die ein freiwilliges soziales Jahr absolviert, auf nach Bethlehem, wo der lateinische Patriarch einziehen sollte. Obwohl sich enorm viele Menschen die prächtige Parade angeschaut haben, waren wenige Pilger vor Ort. “Dafür liefen umso mehr Leute vom Fernsehen und vom Militär herum.” Als der Gesandte der katholischen Kirche endlich eingezogen war, standen die Besucher längst nicht mehr hinter den Absperrungen. “Aber so geordnet wie in Deutschland verläuft hier selten etwas.” So ist auch jeder Weg über die Grenzkontrollen ein Erlebnis, da man nie weiß, wie die Soldaten gerade aufgelegt sind. An Weihnachten herrschte aber recht gute Laune. “Beim Weg zurück nach Bethlehem haben mir die israelischen Soldaten sogar Schokolade angeboten.” In der Kirche “Sankt Anne” haben die vier Volontäre des Beit Al Liqa’s im Anschluss einige Weihnachtslieder gesungen und schließlich mit anderen Deutschen gefeiert, die in Israel studieren, arbeiten oder zu Besuch waren.
Mal abgesehen davon, dass es nur künstliche Tannen gab, gehörte diese Feier für Benjamin zu den Höhepunkten der ganzen Weihnachtsfeierlichkeiten. “Die Atmosphäre in dem alten, schönen Gebäude war so gemütlich und wir konnten uns mit anderen Volontären austauschen.” Erst nach einem weiteren Gottesdienst in der “Erlöserkirche” und einer Erfrischung im Gemeindehaus machten sich Benjamin und Colin auf den Weg in die Pilgerstätte schlechthin: die Geburtskirche. Auch noch um drei Uhr morgens schoben sich die Besucher an der Grotte vorbei, wo Jesus geboren sein soll.
Um vier Uhr allerdings war der Heiligabend auch für die beiden Nachtschwärmer vorbei. Der nächste Morgen erwies sich für Benjamin als etwas stressig, da es gar nicht so einfach ist, alles zum Frühstück einzukaufen, wenn die Ladenbesitzer stets frei entscheiden können, wann sie öffnen. Außerdem strömten gerade die Besucher aus den Kirchen auf die Straßen, die sich übrigens im Unterschied zu den Deutschen, äußerst schick gemacht haben. “Passend zu Weihnachten haben wir uns am zweiten Feiertag das Grab Jesu angeschaut”, erzählt Benjamin ironisch. Leider fing es kurze Zeit später an zu regnen, sodass die Volontäre weiter ziehen mussten.
Dafür genossen sie den Ausblick über die Stadt vom Dach des Johanniter Hospizes, wo gerade einige Juden mit Christen Weihnachten gefeiert haben. Angesichts dessen kann also nicht immer die Rede von Konflikten sein.
Doch politische Ereignisse stehen meist sowieso im Hintergrund. Oft erfahren die Volontäre nur zufällig neue Nachrichten. “Auch wenn es komisch klingt: Wir sind einfach zu nah dran, als dass wir alles mitbekommen können”, erklärt Benjamin die politische Lage. Für ihn steht die Arbeit im Beit Al Liqa’ an erster Stelle. Das Weihnachtsfest in Bethlehem sei rückblickend nicht so spektakulär gewesen. “Ich fühle mich bestimmt nicht heiliger, nur weil ich hier gefeiert habe,” stellt Benjamin klar, “aber eine schöne Erfahrung war es trotzdem und die kann mir keiner mehr nehmen.”
Ob das genauso für den Jahreswechsel gilt? Benjamin jedenfalls feiert mit den Volontären und einigen befreundeten Palästinensern in einem Restaurant Silvester – bei arabischer Musik und “noch ein paar anderen Sachen”, wie er selbst schreibt. Auch das werde bestimmt für ihn eine weitere neue Erfahrung bringen.

Wie zur britischen Kolonialzeit: In Bethlehem ist in den Tagen um Weihnachten herum sehr viel los. So gibt es auch ein kleines Konzert dieser heimischen Dudelsack-Truppe.

Aufpassen: Dieser Soldat nahm Quartier auf dem Dach.

Versteckt im Kofferraum: Diese schwer bewaffneten Soldaten hatten sich gut getarnt.

Drei Volontäre und ein Zivi: Colin Barth, Hanna Pless, Anne Stigler und Benjamin Müller (v. l.).

Ungewöhnliches Outfit: Dieser kleine Junge geht so in die Kirche.
Text: Sarah Thomsmeyer und Benjamin Müller
Quelle: Neue Westfälische Lübbecke