171 Mitarbeitern Frist gesetzt
Von Wilfried Mattner
Lübbecke (WB). Mit einem Bündel von Maßnahmen will Gerd Eversheim die finanziell schwer angeschlagene Hucke AG retten. Neben einem massiven Stellenabbau -273 von zuletzt 514 Mitarbeitern müssen gehen (siehe LK von Freitag) – ist eine radikale Umstrukturierung vorgesehen. Dazu gehört auch, dass sich der Modekonzern von all seinen Immobilien trennen will. Die in Lübbecke verbleibenden rund 140 Mitarbeiter deckten in den Sparten Damenoberbekleidung (DOB), Herrenkonfektion (Haka) und Kinderoberbekleidung (KOB) die gesamte Palette vom Design bis hin zur Produktionsplanung ab. Gearbeitet werden solle aber mittelfristig nicht mehr in Hucke eigenen Gebäuden. Denn der Konzern wolle sich von allen Immobilien trennen; Gespräche mit Interessenten liefen. Die für die Lübbecker Belegschaft benötigten Räume sollen zurückgemietet werden.
Der erforderliche Stellenabbau sei massiv, räumte Eversheim ein und äußerte gleichzeitig die Hoffnung, dass möglichst viele Mitarbeiter das Angebot annehmen, in eine Transfergesellschaft zu wechseln; die Frist dafür laufe bis zum 11. April. Dramatisch sei die Situation für das Unternehmen aber zum Zeitpunkt des Insolvenzantrages gewesen. Mittlerweile sei ein positiver Trend deutlich erkennbar -auch und gerade dank des Engagements der Mitarbeiter, »die geblieben sind, statt wegzulaufen«, lobte Eversheim.
Er hofft, bis Ende April einen Investor präsentieren zu können; es gebe sehr konkrete Verhandlungen. Auch nach dem massiven Stellenabbau sei die Hucke AG noch ein Konzern – dieser Begriff beinhalte nicht die Größe eines Unternehmens, sondern die Zahl der Unternehmensteile. Eversheim: »Es gibt noch deutlich kleinere Konzerne als Hucke.« Langfristig sieht Eversheim die Tätigkeit des von ihm geführten Unternehmens in der Gestaltung von Modelinien, der Entwicklung von Marken und im Vertrieb.
IG-Metall-Gewerkschaftssekretär Siegfried Tüte, der in die Verhandlungen über einen Interessenausgleich ständig eingebunden war, bedauerte den massiven Personalabbau und kritisierte die Auslagerung der gesamten Logistik, die nicht nachvollziehbar sei. Letztlich aber habe man den radikalen Einschnitten zustimmen müssen: »Die Alternative wäre sonst gewesen, dass Hucke Ende April endgültig geschlossen worden wäre.« Mit der Auslagerung gibt es bei Hucke keine gewerbliche Abteilung mehr.
Der Übergang in eine Transfergesellschaft, der 171 Mitarbeitern angeboten worden sei, biete ihnen einen Geld- und Zeitgewinn. In den neun Monaten der Zugehörigkeit stocke Hucke das Kurzarbeitergeld auf 80 Prozent des jeweiligen Nettoeinkommens auf. Da man die Zahlung von Urlaubs- und Weihnachtsgeld habe durchsetzen können, würden rund 90 Prozent des Nettoeinkommens erreicht. In dieser Zeit könne man sich weiter qualifizieren, Praktika annehmen einen neuen Arbeitsplatz suchen.
Stimmen
»Gefasst haben die Mitarbeiter auf die Nachricht vom massiven Stellenabbau reagiert«, sagte Hucke-Betriebsratsvorsitzende Monika Vogelfänger. Da man gewusst habe, dass Kündigungen unvermeidlich seien, sei die Nachricht letztlich nicht überraschend gekommen. Schlimm gewesen sei vielmehr die lange Unsicherheit für alle Mitarbeiter. Immer wieder sei sie gefragt worden, wann endlich etwas passiere. Sie selbst habe gehofft, dass der Einschnitt nicht so gravierend ausfallen würde.
Als »außerordentlich hart« bezeichnete der Mindener IHK-Zweigstellenleiter Karl-Ernst Hunting die Entwicklung beim Lübbecker Modekonzern. Es bleibe zu hoffen, dass die Sanierung Früchte trage und die Firmenkonjunktur wieder nach oben zeige. Das dies nicht unmöglich sei, zeigten Beispiele von erfolgreichen Unternehmen in der Bekleidungsbranche auch in OWL. Falls andere Unternehmen durch die Hucke-Sanierung in Schwierigkeiten geraten sollten, biete die IHK die Unterstützung des bei ihr eingerichteten und mit ausgesuchten Fachleuten besetzten »Krisenmanagements« an.
»Für die betroffenen Mitarbeiter ist die Situation sehr schlimm«, sagte der Lübbecker CDU-Fraktionsvorsitzender Heinrich Esdar. Der Modekonzern beschäftige nahezu ausschließlich Spezialisten, für die es vermutlich schwer werde, in der Umgebung wieder einen entsprechenden Arbeitsplatz zu finden. Für Lübbecke sei die Entwicklung ganz schlecht; Hucke gehöre zur Stadt und habe viel für sie getan. Er sei aber nicht überrascht, sagte Esdar, bis vor wenigen Monaten noch selbständiger Textileinzelhändler. Seit etwa zwei Jahren habe er für Hucke kaum noch eine Chance gesehen.
Aktuelles Stichwort
Transfergesellschaft
Transfergesellschaften sind eigenständige Einheiten, die von Arbeitslosigkeit bedrohten Mitarbeitern eines Unternehmens so schnell wie möglich einen neuen Arbeitsplatz vermitteln wollen. Die Zugehörigkeit endet nach maximal einem Jahr. Bereits im April 2003 war die B+T Beschäftigung und Transfer GmbH für die Hucke AG tätig geworden.
Quelle: Lübbecker Kreiszeitung – Westfalen Blatt