Betroffene der Lehman-Brothers-Pleite prüfen rechtliche Schritte – von Politikern sind sie enttäuscht

Lübbecke-Nettelstedt. Vor fünf Monaten berichtete die NW über Günther Bücking, der durch die Pleite der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers 75.000 Euro verloren hat. Inzwischen haben ihm andere Lübbecker erzählt, dass sie ebenfalls Lehman-Zertifikate gekauft hatten. Sie fänden aber nicht den Mut, sich der Selbsthilfegruppe anzuschließen, deren Sprecher der Nettelstedter ist.
Es gab kaum einen Politiker, bei dem die Selbsthilfegruppe Zertifikatschaden OWL, der auch Günther Bücking angehört, bei Besuchen im Lübbecker Land nicht demonstriert und ihm eine Dokumentation in die Hand gedrückt hatte: NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers, Familienministerin Ursula von der Leyen, Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, Umweltminister Sigmar Gabriel, Finanzminister Peer Steinbrück … „Das ging aus wie das Hornberger Schießen, die Politik kann uns nicht helfen“, fasst Bücking seine Erfahrung mit den im Bundestagswahlkampf gegebenen Versprecher der Polit-Prominenz zusammen.
Hilfreicher sei eine Übereinkunft zwischen der inzwischen in Targobank umbenannten Citibank und der Verbraucherzentrale NRW, sagt der Nettelstedter. Sie sichere denjenigen, die zum ersten Mal ein Zertifikat erworben hätten, eine Entschädigung von fünf bis fünfzig Prozent des angelegten Kapitals zu. „Davon profitieren allerdings nicht alle Anleger“, schränkt Bücking bedauernd ein. „Leute wie ich, die vorher schon in Aktien oder Fonds investiert hatten, gelten als risikobewusst.“ Für die komme eine solche Entschädigung nicht in Frage.
Wie andere Lehman-Geschädigte auch, will Bücking sein Schicksal deshalb jetzt selbst in die Hand nehmen. Eine Bremer Kanzlei prüfe derzeit die Aussichten einer Einzelklage gegen die Citibank, denn Sammelklagen seien leider nicht möglich: „Was die Selbsthilfegruppe aber weiter verbindet, ist, dass wir uns gegenseitig als Zeugen für die damals mangelhaften Beratungen zur Verfügung stehen.“
Sein damaliger Berater habe sich immer als „ihr Vermögensverwalter“ ausgegeben, ärgert Bücking sich bis heute. Was die Bank an dem Geschäft verdient und welchen Bonus der Berater für den Abschluss erhalten hat, „habe ich zwar mehrfach gefragt“, so Bücking. Sein inzwischen nach Bielefeld gewechselte Berater habe die Vorteile für Bank und Kundenbetreuer aber immer abgestritten.
Um so verwunderter war der Sprecher der hiesigen Selbsthilfegruppe, als die Targobank ihn zu einem Sektempfang einlud, mit dem die Umbenennung gefeiert werden soll. Die für ihn nächstgelegene Filiale befindet sich in Minden. Hinfahren will er auch, am Donnerstagmittag, aber nicht um anzustoßen: „Wir werden eine Mahnwache abhalten.“
„Wir“, das sind Geschädigte aus Minden, Petershagen, Hille, Rahden, Bünde und Herford. Auch aus Lübbecke gebe es mehrere Lehman-Opfer. Die hätten bislang aber nicht den Mut aufgebracht, sich der Gruppe anzuschließen. „Schade“, findet Bücking das, „denn gemeinsam erreichen wir mehr“.

Lachnummer: Über die Einladung zu einem Sektempfang bei der Citibank, die jetzt Targobank heißt, amüsiert Günther Bücking sich im Wohnzimmer. In seinem Garten liegt noch Schnee.
TEXT UND FOTO: F. HARTMANN
Ansprechpartner im Kreisgebiet
Im Raum Minden/Herford gibt es seit Ende 2008 eine Selbsthilfegruppe von Menschen, die von ihrer Bank „nicht oder nicht ausreichend über das Risiko beim Kauf von Lehmann-Zertifikaten aufgeklärt wurden“. Die Interessengemeinschaft der durch Lehman-Brothers-Zertifikate geschädigten Personen ist bundesweit aktiv. Die Betroffenen haben sich organisiert, um gemeinsam für die Erstattung ihres verlorenen Kapitals zu kämpfen. Ansprechpartner für Minden-Lübbecke ist Günther Bücking in Lübbecke-Nettelstedt, Telefon (0 57 41) 6 39 05.
Internet-Portale:
www.lehman-zertifikateschaden.org
http://zertifikatschaden.jimdo.com
Quelle: Neue Westfälische Lübbecke