Unbekannter manipuliert Geldautomaten in Nettelstedt / Mindestens 15.000 Euro Schaden

Lübbecke-Nettelstedt. Der Mann ist auf der Überwachungskamera zu erkennen. Sein Alter wird auf 35 bis 45 Jahre geschätzt. Am vergangenen Samstag betritt der Unbekannte exakt um 9.57 Uhr die Sparkassenfiliale an der stark befahrenen Ravensberger Straße (B 65) in Nettelstedt, manipuliert das Kartenlesegerät an der Eingangstür und den Geldautomaten im Raum dahinter. Und dann beginnt eine dreister Raubzug über Dutzende Sparkassen-Konten. Auf mindestens 15.000 Euro beläuft sich nach ersten Schätzungen der Schaden, den die Täter mit einem raffinierten Trick, der so genannten “Skimming”-Methode, angerichtet haben. Binnen nur einer Minute hatte der mit Jeanshose, grauer Jacke und Basecap bekleidete Unbekannte vor einer Woche einen selbst hergestellten Aufsatz an der Eingangstür installiert und anschließend ein ähnliches Gerät mit Kamera oberhalb des eigentlichen Geldautomaten. Nach knapp 13 Stunden – den Aufzeichnungen der Videoüberwachung durch die Sparkasse zufolge genau um 22.47 Uhr – wurde der Angriff beendet und beide Attrappen von dem Unbekannten wieder abgebaut.
Mit fatalen Folgen für zahlreiche Kunden. Denn in den Tages- und Abendstunden des 24. Mai kamen nach den Ermittlungen von Sparkasse und Polizei 145 Kunden zur Filiale des Geldinstituts an der Ravensberger Straße, schoben ihre EC-Karte in das aufgesetzte Gerät an der Eingangstür und wandten sich danach dem Geldautomaten zu. Während durch das vorgebaute Kartenlesegerät am Eingang zum Vorraum die Daten des Magnetstreifens der EC-Karten abgelesen wurden, nahm die von dem Täter installierte Kamera oberhalb des Geldautomaten alle eingegebenen Geheimnummern (PIN) auf.
Was danach passierte, wurde erst drei Tage später, am vergangenen Dienstag, bekannt. Ein Kontoinhaber wunderte sich nämlich über eine Abbuchung aus den USA und erkundigte sich bei der Sparkasse. Bald wurde das ganze Ausmaß der Kontenplünderung deutlich. Kartenangaben und gefilmte Geheimnummern der 145 Bankbesucher am 24. Mai waren nach den bisherigen Erkenntnissen der Polizei in die USA übermittelt worden.
Dort wurden Karten-Rohlinge angefertigt, mit denen anschließend von Geldautomaten in Washington die ausgespähten Sparkassenkonten in Nettelstedt abgeräumt wurden. Bislang wurden 88 Opfer ermittelt, der Schaden summiert sich derzeit auf über 15.000 Euro. Von den Konten der betroffenen Kunden, überwiegend Einwohnern von Nettelstedt, wurden jeweils Beträge von mehreren Hundert Euro abgebucht.
Von dem dreisten Räuber und wahrscheinlichen Komplizen gibt es bislang keine konkrete Spur. Aber Polizei und Sparkasse haben Bilder von dem Mann, den die festinstallierte Videokamera im Foyer der Bank-Filiale aufgenommen hat. Darauf ist ein Mann mittleren Alters zu erkennen, etwa 1,75 bis 1,80 Meter groß und mit langen Gesichtskoteletten. In der Hand trug der Räuber eine Plastiktüte mit einem roten Streifen. Darin waren jene Attrappen, die offenbar blitzschnell installiert wurden und dem Täter den Zugriff auf die Konten ermöglichten.
Die Polizei ist sicher, dass es sich bei dem Nettelstedter “Skimming”-Gauner um einen Profi handelt. Sie sucht Zeugen, die den Täter Samstag, 24. Mai, kurz vor 10 Uhr oder gegen 22.45 Uhr in Nettelstedt, möglicherweise auch mit einem Fahrzeug, beobachtet haben. Hinweise an die Polizei in Minden, Tel. (0571) 8 86 60.
Bankkunden, die “Skimming”-Opfer geworden sind, sollten sich nach Mitteilung der Polizei bei der Sparkasse Minden-Lübbecke melden; eine gesonderte Anzeigenerstattung bei der Polizei sei nicht erforderlich.

Türöffner: Zum Betreten des Vorraumes einer Filiale muss bei vielen Banken die EC-Karte benutzt werden. Bereits hier setzten die Täter an, montieren eine Attrappe davor und spähen so die Kundendaten auf den Karten aus.

Tatort: Die Zweigstelle an der B 65 in Nettelstedt; eine von fast 50 der Sparkasse Minden-Lübbecke.
Fotos: Alexandra Buck
Tricks kaum zu erkennen
Das aus dem Englischen kommende “Skimming” (es bedeutet so viel wie “Abräumen”) bezeichnet eine illegale Methode von Kredit- und Bankdaten auszuspähen und kriminell zu nutzen. Der Nettelstedter Fall zeigt das typische Vorgehen der Täter.
Attrappen, die kaum als solche zu erkennen sind, werden vor den Karten-Einschiebeschacht angebracht, um die Daten des Magnetstreifens abzulesen, eine kleine Kamera filmt außerdem die Eingabe der persönlichen Geheimnummer (PIN).
In den vergangenen Jahren kam es mehrfach im Kreisgebiet zu Skimming-Fällen. Im November 2007 waren Konten der Volksbank Bad Oeynhausen das Ziel der Kriminellen. Mit der gleichen Methode wurden Ende 2007 Konten der Volksbank Minden leergeräumt. Mehrere Wochen später wurden zwei verdächtige, Rumänen, 28 und 31 Jahre alt, festgenommen. Sie sollen insgesamt 60.000 Euro durch “Skimming” gestohlen haben. Sie warten in der Untersuchungshaft auf ihren Prozess.
Hinweise, wie solche raffinierten Manipulationen zu erkennen sind, unter www.polizei-minden.de

Simpel: Eine solche Attrappe wird beim Skimming eingesetzt.
Text: Reinhard Günnewig
Quelle: Neue Westfälische Lübbecke