Spielgemeinde Nettelstedt trifft das Zwerchfell der Zuschauer punktgenau bei Premiere

Von Sonja Gruhn (Text und Fotos)
Nettelstedt (WB). Das Rezept für eine durch und durch gelungene Premiere: Man nehme ein gutes Lustspiel, ausdrucksstarke Schauspieler, einen guten Regisseur und eine herrliche Kulisse. Doch erst die richtige Mischung, bringt den Erfolg. Die Akteure der Spielgemeinde Nettelstedt bewiesen am Samstag ein geschicktes Händchen und Können. Die »Pension Schöller« öffnete ihre Türen, und wer der Einladung gefolgt war, dem war ein Angriff auf die Lachmuskeln garantiert. Die Story ist schnell umrissen: Provinzler Klapproth kommt nach Berlin, will dort eine Heilanstalt für Geisteskranke besuchen, um mit verrückten Erlebnissen am Stammtisch zu brillieren.
Für die Umsetzung gewinnt er seinen Neffen Alfred, der seinerseits hofft, in seinem Onkel einen geeigneten Geldgeber für seine geplanten Unternehmungen zu finden. Gemeinsam mit seinem Freund, Kunstmaler Benkwitz, entsteht der Plan, den Onkel zu einem Gesellschaftsabend einer Familienpension zu führen. Dort stellt sich schnell heraus, dass Verrücktheit und Normalität leicht ineinander verschwimmen.
Als einfältiger Hofbesitzer Philipp Klapproth präsentierte Hans Arning die breit gefächerte Vielfalt seines Minenspiels. Die Art und Weise, mit der Arning staubtrocken Bemerkungen fallen ließ, erinnerte an einen Gummiball, der kurz vom Boden abprallte und direkt das Zwerchfell der Zuschauer beben ließ.
Doch, dass Talent offensichtlich vererbbar ist und sein Spiel in diesem Fall tatsächlich noch zu toppen war, zeigte Arne Philipp Arning, der dafür die ideale Rolle besetzte. Als Möchtegernschauspieler Eugen schlug er sich voller Überzeugung mit einem Sprachfehler durch das Geschehen und sein Textbuch, rezitierte »Schinner« und gab voller Inbrunst Kostproben aus »Othenno« und »Winhenm Tenn«.
Bereits nach wenigen Sätzen reichte allein der nächste Auftritt von Eugen, um Lachsalven durch die Zuschauerreihen abzufeuern. »Und bist du nicht winnig, so brauch ich Gewant« – gesagt, getan, kämpfte Arne Philipp Arning lorbeerbekranzt mit seiner wallenden Toga und pfefferte diese abwechselnd sich selbst oder seinen Mitspielern um die Ohren.
Damit war Eugen mit Sicherheit der Brüller des Abends, doch nicht der einzige. Jörg Röding schlüpfte in ein Safari-Outfit und damit in die Rolle des überschwänglichen Großwildjägers Fritz Bernhardy, der genau wie die anderen Gäste der Pension Schöller, Klapproth eifrig verfolgte. Nicht zu vergessen Kellner Oskar, den Stefan Röding frei nach dem Motto »Frechheit siegt und Geschäftssinn birgt Höflichkeit« verkörperte.
Pension Schöller auf der Freilichtbühne Nettelstedt 2007
Schwester Lieselotte (Monika Bachmann, 2.v.l.) und ihre Töchter Hedwig (Jana Hagemeyer) und Ida (Anne Hellweg) sind erstaunt über das seltsame Verhalten, das Philipp Klapproth (Hans Arning) an den Tag legt.
Bleiben in der »Männerriege« nicht weniger lobend erwähnt Thomas Kracht (Benkwitz), Ulrich Wellpott (Schöller), Wolfgang Dehne (Major a.D. von Zahn) und Tobias Röding als Pianist. Bei den Damen punkteten besonders Kerstin Kottkamp als Schriftstellerin Josephine Zillertal und Monika Möhlmann als Klara Piepgras. Immer auf der Suche nach »Stoff« für ihren neuesten Roman, kreiste Kerstin Kottkamp als Josephine über ihren Opfern, ließ keinen mehr aus ihren »Schreibklauen« und glaubte selbst die irrsinnigsten Geschichten. Monika Möhlmann schlägt als Clara mit ihren gekonnt »höchst schiefen Tönen« sowohl Pensionsgäste als schließlich auch den Pianisten in die Flucht. Das Publikum zeigte sich etwas hartgesottener, doch nicht völlig schmerzfrei.

Als Schauspieler hat er es wirklich drauf, wäre da nur nicht der »nustige Sprachfehner«. Arne Philipp Arning begeisterte als Eugen nicht nur das Publikum, sondern faszinierte auch Josephine (Kerstin Kottkamp).

Monika Bachmann als von ihrem Bruder schwer geplagte Lieselotte Sprotte und deren Töchter Ida (Anne Hellweg) und Hedwig (Jana Hagemeyer) sowie Lisa Dehne als Franziska machten ebenfalls eine gute Figur.
Die Naturkulisse auf dem Hünenbrink erwies sich wieder einmal als überaus geeignet. Hier entstand leicht sowohl eine Cafégarten-Atmosphäre als auch nach der Pause mit schnellen Handgriffen umgestaltet, der Gutshof – inklusive »Cnosett-Häuschen«.
Quelle: Lübbecker Kreiszeitung – Westfalenblatt