Der nachfolgende Text wurde von Hanna Wilde und Mitarbeitern aus Nettelstedt verfasst und wurde aus dem Heft “Neue Nettelstedter Blätter” Nr. 33 entnommen.
Schon vor Vollendung der provisorisch gedachten Volksheilstätte entwickelte der Rektor mit befreundeten Kollegen und dem Landrat von Borries zusammen den Plan zum Neubau eines modern eingerichteten Erholungsheimes für Kinder aus dem gesamten Kreis Lübbecke. Kreiskrankenkasse und Arbeiterwohlfahrt stellten einen kleinen Fonds dafür zur Verfügung. Als wichtiger erwies sich, daß der westfälische Lehrerverein sich dem Projekt anschloß und mit der Errichtung eines Pestalozzifonds die finanzielle Grundlage bedeutend erweiterte. Große Spenden von Industriellen – u. a., von Hugo Stinnes und der Familie Henkel -, die der “Bettelmann aus Nettelstedt” eindringlich erbeten hatte, kamen nun hinzu. Im Krisenjahre 1924, nach der Währungsreform zur Rentenmark, erbrachte eine vom Oberpräsidenten Westfalens genehmigte Lotterie durch Verkäufe über die westfälische Lehrerschaft weitere Einnahmen. So konnte der Rohbau nach Plänen des Mindener Architekten Moelle unter Mitwirkung vieler ehrenamtlich arbeitenden Handwerker aus Nettelstedt schon 1924 und der Innenausbau 1925 provisorisch abgeschlossen werden. Das gesamte Gemeinschaftswerk wurde danach vom Kreis Lübbecke als “Stiftung Kinderheim Nettelstedt” in Trägerschaft übernommen. Vorsitzender des Kuratoriums wurde der Landrat von Borries. Bedeutende Mittel flössen dem Bau und dem Unterhalt des Heimes in diesen Jahren aus den Aufführungen der Spielgemeinde zu, die seit 1927 eine schön hergerichtete Bühne auf dem Hünenbrink benutzte. Aus ihren Einkünften konnte das Areal des Hünenbrinks vom Schulverband der Gemeinde Nettelstedt für 8250 Mark hinzu erworben werden. Die gesamten Erdarbeiten zur Anlage des schön terrassierten Kinderheimgartens und des Zuschauerraumes auf dem Hünenbrink mit den dazugehörigen Stützmauern wurden von 50 – 100 Arbeitslosen aus dem Dorf gegen geringes Entgelt durchgeführt. Bekannt geworden ist das Bild, auf dem Hunderte von Kindern in langer Kette Backsteine von Hand zu Hand zum Rohbau unter dem Hünenbrink transportierten. Diese waren auf dem 1 1/2 km entfernten Kleinbahnhof angeliefert worden, von den Fuhrleuten wegen einer Auseinandersetzung mit dem Rektor aber nicht zur Baustelle gefahren worden. Das später jahrzehntelang gefeierte “Backsteinstutenfest” erinnerte an diese Tat der Schulkinder (s.u.). Im Sommer 1925 waren Nettelstedter Kinder zusammen mit erholungsbedürftigen Kindern aus dem Landkreis Lübbecke zur ersten Kur im Kinderheim. Unter ihnen war Karl Arning aus Nettelstedt. Er schrieb darüber den folgenden Bericht :
Erinnerungen an die erste Kur im Kinderheim
Anfang 1925 war in der Schule (Kapelle) in Nettelstedt eine Schüleruntersuchung. Der Amtsarzt Dr. Seitz und Frl. Meier-Hermann suchten die einer Kur bedürftigen Kinder aus. Nach einiger Zeit erhielten meine Eltern die Nachricht, daß ich für vier Wochen ins Kinderheim in Nettelstedt käme. Ich war damals 11 Jahre alt, noch nie von Zuhause weg gewesen und sah dem Tag des Kuranfangs mit gemischten Gefühlen entgegen. Ich glaube, es war der 25. Mai 1925, wenn die Kur beginnen sollte. Die ersten Kurkinder kamen aus dem alten Kreis Lübbecke. Zu Fuß ankommende Eltern und Kinder wurden alle zum Bahnhof gewiesen, wo der Nettelstedter Posaunenchor und die Schulklasse des Jahrgangs 1912, jeder mit einem Blumenstrauß in der Hand, auf den Zug mit den Anreisenden warteten. Beim Eintreffen des Zuges spielte der Posaunenchor: Alle Vögel sind schon da. Alle sangen tüchtig mit. Jedes Kurkind erhielt einen Blumenstrauß überreicht. Bei der kurzen Begrüßung, die unser Rektor Meyer-Spelbrink hielt, liefen ihm die Tränen über die Backen.
Dann ging’s zum Kinderheim hoch, voran der Posaunenchor, der den ganzen Weg lang fleißig musizierte. Rektor Meyer-Spelbrink führte uns Kinder an, dann folgten die Eltern. Die Schulklasse trug das Gepäck. Unser Weg zum Heim war von den Dorfbewohnern gesäumt. Im Kinderheim standen die Schwestern und Tanten und nahmen uns herzlich in Empfang. Die Leitung hatte Schwester Paula, die ärztliche Betreuung hatte Dr. Eduard Meyer. Während der Rektor und Schwester Paula den Eltern die Einrichtung zeigten, wurde uns im großen Schlafsaal jedem ein Bett zugewiesen. Das kannte man zu Hause selten oder nie. Die anderen Betreuer halfen uns, unsere Sachen im Spind und Schrank zu verpacken. Dann kam der Abschied von den Eltern, und die Schwestern und Tanten mußten uns Trost spenden. Der Abend war gekommen, und wir mußten uns schlafen legen. Die Schwester sprach ein Gebet und wünschte uns “Gute Nacht”: Lautlose Stille herrschte.
Am anderen Morgen weckte uns die Nachtwache. Wir mußten mit bloßem Oberkörper in den Waschraum, unter Aufsicht den Körper kalt abwaschen, Zähne putzen und gurgeln. Das tat man Zuhause auch nicht. Vor dem Frühstück ging’s auf den Hof zur Morgengymnastik und Atemübung. Das Frühstück schmeckte dann besonders gut. Nach dem Essen ging es in Gruppen zum Hünenbrink oder in den Wald, wo Spiele gemacht wurden und Lieder gesungen und gelernt wurden. Um 12 Uhr waren alle wieder im Heim, und nach dem Händewaschen stellten wir uns alle an die Tische. Schwester Marie sprach das Tischgebet. Appetit war reichlich vorhanden. Aber wir kamen zu unserem Recht. Es gab so manches Gericht, was wir Zuhause nicht kannten. Bettruhe bis 2 Uhr, danach eine Tasse Kakao und ein kleines Zubrot. Danach ging’s wieder nach draußen zum Spielen. Oft kam unser Rektor, erzählte uns Geschichten oder er klönte mit uns. Die Freude war immer sehr groß, wenn er bei uns war.
Das Lehrer-Ehepaar Korte wohnte im Heim. Sie waren die Hauseltern. Herr Korte turnte zweimal die Woche mit uns. Er mußte auch mal Strenge walten lassen, was sicher oft nötig war. Zum Kartoffelschälen wurden aus jeder Gruppe ein paar Kinder eingeteilt. Sie wurden aber von Schwester Marie, die Küchenchefin war, mit kleinen Überraschungen belohnt. Weil doch jedes Dorf sein eigenes Plattdeutsch sprach, gab’s ein starkes Kauderwelsch. Hochdeutsch sprachen wir selten. Besorgungen, die wir nötig hatten, erledigte Fritz Schrewe für uns. Er war als Laufbursche im Heim angestellt. Für die Gartenanlagen war der Gärtner August Fissenebert zuständig. Zweimal war Badetag in der Woche (Sole-Bäder). Bademeister war meine Tante Sophie Westerhoff, die im alten Fachwerkhaus mit ihrer Familie wohnte. Onkel W. Westerhoff war Bürgermeister von Nettelstedt und half in seiner Freizeit mit kleinen Arbeiten aus.
Die vier Wochen waren voll ausgefüllt und gingen bald zu Ende. Zum Abschiedsfest hatte jede Gruppe ein Stück eingeübt. Wir spielten die Vogelhochzeit. Tante Else, die noch lange im Heim war, zuletzt als Leiterin, hatte von uns Kindern und dem Personal ein Lied gedichtet. Davon sind mir noch drei Strophen in Erinnerung:
1. Wir sind die Jungen vom Kinderheim, hollahie, hollaho,
immer fröhlich, frisch und frei, hollahie…
Daß wir stramme Burschen sind, hollahie…,
sieht von weitem jedes Kind, hollahiehaho.
2. Unserm Lehrer, dem Herr Korte…
g’horchen wir man so aufs Worte,…
mit Geduld und Überei…
bringt er uns das Turnen bei….
3. Schwester Marie lieb’n wir sehr…,
ihre Speisen noch viel mehr…
sie sorgt gut für unsern Leib…,
leb sie wohl für alle Zeit……
Für unseren Rektor haben wir sein Lieblingslied ( Freiheit, die ich meine..) mit Hilfe des Personals sogar mehrstimmig gesungen. Eine Strophe mußten wir noch dazu lernen :
Aus den stillen Kreisen kommt ein Hirtenkind,
will der Welt beweisen, was es denkt und sinnt.
Blüht ihm nicht ein Garten, reift ihm nicht ein Feld
auch in dieser harten, steinerbauten Welt?
Das sind meine Erinnerungen an meine Kur im Kinderheim im Mai 1925
Karl Arning

Kurkinder im Terrassengaren