“Enttäuscht und entsetzt”

Hucke-Belegschaft erschüttert über massiven Personalabbau / 273 Stellen werden gestrichen

Lübbecke-Nettelstedt. Die Belegschaft wird halbiert, die Marke Frank Eden Woman verkauft, Logistik verlagert, Immobilien veräußert und für die nahe Zukunft gibt es zunächst nur vage Hoffnung. Mit drastischen Einschnitten versucht die angeschlagene Hucke AG die Weichen für etwas bessere Zeiten zu stellen. Als die Mitarbeiter nach der Betriebsversammlung das Firmengelände verließen, stand Betroffenheit in ihren Gesichtern. “Alle waren sehr niedergeschlagen”, so der Sekretär der IG Metall, Siegfried Tüte (Minden), der in den vergangenen Tagen an den Verhandlungen über einen Interessenausgleich teilgenommen hatte.

“Wieso ich?”, fragten viele

Unmittelbar nach der Horrorbotschaft wurden die Mitarbeiter von ihren Vorgesetzten persönlich informiert. “Sie waren erschlagen und entsetzt”, berichtete die Betriebsratsvorsitzende Monika Vogelfänger. Viele hätten sich jahrelang für das Unternehmen “krumm gemacht”, den Urlaub verschoben. “Und jetzt das”. “Wieso ich?”, hätten viele gefragt.

Der Interessenausgleich sieht im Einzelnen vor, dass insgesamt 273 Stellen zur Disposition stehen. 40 davon sind wegen ruhender Beschäftigungsverhältnisse (beispielsweise Erziehungsurlaub, Wehrdienst) von Sonderregelungen betroffen, 62 Jobs fallen durch das Auslaufen von befristeten Arbeitsverträgen und Eigenkündigung weg.

Den verbleibenden 171 Betroffenen wird der Vereinbarung zufolge die Übernahme in eine in Minden ansässige Transfergesellschaft angeboten. Dafür stellt Hucke rund zwei Millionen Euro zur Verfügung.

Die Transfergesellschaft soll am 16. April ihre Arbeit aufnehmen. Für die Dauer von neun Monaten erhalten die ehemaligen Hucke-Mitarbeiter, die bis zum 11. April über das Angebot entscheiden müssen, 80 Prozent ihrer einstigen Bezüge zuzüglich Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Ziel der Maßnahme ist die Qualifizierung für künftige andere Tätigkeiten. Eine Stellenvermittlung erfolgt nicht.

“Dieses Angebot kann sich sehen lassen”, so die Vorsitzende des Betriebsrates, Monika Vogelfänger. Auch IGM-Sekretär Tüte zeigte sich mit der Lösung zufrieden. Die Übernahme in eine Transfergesellschaft während eines Insolvenzverfahrens sei die Ausnahme. Insofern sei das Angebot “das Optimalste, was man herausholen konnte.”

Bei einem Sozialplan seien die Konditionen viel schlechter gewesen. Die betroffenen Mitarbeiter hätten dann nur Anspruch auf zweieinhalb Monatsgehälter. Und die Summe der Abfindungen dürfe in einem solchen Fall ein Drittel der verfügbaren Masse nicht überschreiten.

Nicht gelungen sei freilich der Plan des Betriebsrates, die Logistik in Nettelstedt zu belassen. Die wird in Südlohn-Oeding konzentriert und für die Marke Venice Beach künftig von Hagenow (Mecklenburg) aus erledigt. Von dieser Entscheidung sind nach Angaben der Hucke AG 97 Personen betroffen. Insgesamt verbleiben nach der “Neuausrichtung” lediglich rund 140 Arbeitsplätze (von einstmals rund 900) in Lübbecke und Nettelstedt. Der Personalbedarf in allen vier Bereichen (Damenober-, Herren- und Kinderbekleidung sowie der Marke Venice Beach) werde den “branchenüblichen Standards angepasst”. Trennen will sich Hucke zudem vom Bereich Frank Eden Woman, der verkauft werden soll. Und abstoßen will das Bekleidungsunternehmen auch mehrere Immobilien, die nach der Verlagerung und dem Stellenabbau nicht mehr benötigt werden.

“Mitarbeiter bezahlen Fehler”

“Die meisten Gebäude sind nun nicht mehr voll ausgelastet”, so die Betriebsratsvorsitzende. Erhalten bleibe aber der Fabrikverkauf (Factory Outlet) in der Lübbecker Innenstadt.

Offen ist bislang, welche möglichen Investoren sich bei dem Bekleidungshersteller engagieren wollen. Es gebe weiterhin Gespräche, hieß es aus Kreisen des Unternehmens.

Vorstand Gerd Eversheim hatte in der Betriebsversammlung die “harten Einschnitte” als unumgänglich verteidigt. Mit den getroffenen Vereinbarungen sei eine “wesentliche Voraussetzung für die Zukunftsfähigkeit von Hucke geschaffen”, so der im November berufene neue Firmen-Chef. “Im Grunde müssen die Mitarbeiter für die Management-Fehler der Vergangenheit bezahlen”, kommentierte die Vorsitzende des Betriebsrates die Situation und die Folgen für die Belegschaft.

KOMMENTAR

Hucke – vom Goliath zum David

Der tiefe Sturz

Kann man sich das vorstellen? Vor rund 30 Jahren zählte Hucke zu den Top Five der deutschen Bekleidungsindustrie. 5.000 Mitarbeiter gehörten zum Firmenverbund. Noch vor einem Jahrzehnt erzielten die Modemacher mit fast 2.000 Beschäftigten – davon knapp die Hälfte in Lübbecke – 900 Millionen Mark Umsatz.

Und nun? Nur noch 240 Menschen werden es künftig sein, lediglich 140 am Stammsitz. Der Absturz des einstigen Vorzeigeunternehmens der Region erschreckt und macht zugleich betroffen. Sicher, 170 haben das Angebot, sich über eine Transfergesellschaft für neue Jobs zu qualifizieren. Aber wird es die in naher Zukunft geben ?

Vielen langjährigen Hucke-Beschäftigten wird die Arbeitslosigkeit wohl kaum erspart bleiben. Da mag die Frage nach Schuld und Versäumnissen müßig sein. Dennoch: Der tiefe Fall der Nettelstedter ist kein Naturereignis. Im Management, in der Modepolitik, in den Kontrollgremien, bei den Eigentümern sind offenbar über lange Zeit Fehler gemacht, Fehlentwicklungen übersehen, ignoriert worden.

Die Quittung zahlen nun Hunderte zunächst mit dem Verlust des Arbeitsplatzes. Ihnen wie dem verbleibenden Teil der Belegschaft bleibt nichts als die bloße Hoffnung – die Hoffnung auf bessere Zeiten.

“Das liegt alles nicht an uns”

KURZ GEFRAGT: Eine Hucke-Mitarbeiterin über die Stimmung im Unternehmen

Lübbecke. In Anbetracht der Situation ist die Stimmung der Angestellten nicht nur sehr angespannt – die Menschen, die ihren Arbeitsplatz oder ihre Kolleginnen und Kollegen verlieren, sind schlichtweg traurig. Eine Hucke-Mitarbeiterin erklärte sich gestern – mit Tränen in den Augen – bereit, etwas zur Stimmung bei Hucke zu sagen. Sie ist seit mehr als 20 Jahren dort beschäftigt, möchte anonym bleiben und sprach mit NW-Redakteur Andreas Sundermeier.

Seit wann geht es nach Ihrer Meinung bei Hucke bergab?

HUCKE-MITARBEITERIN: Seitdem vor gut fünf Jahren Herr Dorn bei uns in den Vorstand kam. Das wurde auch bei der jüngsten Betriebsversammlung gesagt. Zuerst wurde ‘Basler’ verkauft und wir hatten viel Geld im Topf.

Was ist damit geschehen?

MITARBEITERIN:
Ich würde sagen: Misswirtschaft.

Was heißt das genauer?

MITARBEITERIN:
So sehr gut kenne ich mich nicht aus. Aber uns fiel auf, dass danach das Geld unserer Meinung nach unnütz heraus geworfen wurde. Wir hatten Unternehmensberater im Haus und die haben wenig, oder wie man heute sieht, gar nichts gebracht. Und dann hatten wir noch einen Motivationstrainer. Der hat – so wurde es uns gesagt – 30.000 Euro im Monat bekommen. Die Verpflichtung von Eva Padberg war auch ein Schuss in den Ofen. Die soll eine Million bekommen haben.

Waren zudem falsche Modelle oder Schnitte Schuld an schlechten Verkaufszahlen?

MITARBEITERIN: Es gab da ein großes Wirrwarr. Zunächst ging es in Richtung “Ältere Frau’,” dann ging es Richtung “Junge Frau”.  Es wurde immer gewechselt. Daher kam eine große Unsicherheit in allen Abteilungen. Und dann wurde auch noch der Nähsaal outgesourct. Und der Schnittbereich ausgelagert. Daher wurde dann die Qualität nicht mehr gewahrt.

Wie haben Sie das vergangene halbe Jahr empfunden?

MITARBEITERIN: Das war eine Belastung ohne Ende. Es wurde viel, sehr viel, von uns erwartet. Bis Donnerstag wusste aber niemand, woran wir eigentlich waren.

Was belastet Sie besonders?

MITARBEITERIN: Uns allen stellt sich die Frage: Warum haben die Aktionäre nicht rechtzeitig etwas gemerkt und unternommen?

Wie geht es weiter?

MITARBEITERIN: Es wird eine Auffang-Gesellschaft gegründet. Wer sich bis Montag entschließt, mitzumachen, der bekommt neun Monate 80 Prozent des Gehalts. Start ist der 16. April.

Und wie geht es mit dem Unternehmen weiter?

MITARBEITERIN: Es soll drei Investoren geben, einer aus Indien. Eventuell wird von ihnen der Name ‘Hucke Woman’ weiter geführt. Aber was da genau passiert, wissen wir noch nicht. In 14 Tagen soll das neue Konzept vorgestellt werden.

Was tun Sie bis dahin?

MITARBEITERIN: Ganz viel arbeiten. Die Hoffnung stirbt zum Schluss. Denn wir machen gute Sachen. Die ganze Misere liegt nicht an uns.


Nach der Schreckensnachricht: In dem Nettelstedter Betrieb war die Hucke-Belegschaft in einer Versammlung über den vereinbarten Interessenausgleich informiert worden.


Hiobsbotschaft: Hucke-Vorstand Gerd Eversheim.


Stolzer Name verblasst: Hucke-Hauptverwaltung in Nettelstedt.

Fotos (2): Joern Spreen-Ledebur

Text: Reinhard Günnewig

Quelle: Neue Westfälische Lübbecke

Geschrieben am 31. März 2007 | Abgelegt unter Gewerbe |