Die Hucke AG beantragt Eröffnung eines Insolvenzverfahrens

“Jetzt hat der Neuaufbau begonnen”. Vorstand Axel Dorn gibt sich optimistisch. Anfang Juni steht der Chef der Nettelstedter Bekleidungsfirma in der Hauptstadt vor der Presse, präsentiert das neue Label “Hucke Berlin”, sieht einen “Quantensprung” im DOB-Sektor, überrascht mit der Verpflichtung von Top-Model Eva Padberg, schwärmt von mehr Internationalität der Modemacher vom Wiehengebirge und hat auch für die über Jahre geschrumpfte Belegschaft nur gute Nachrichten (“Keine zusätzlichen Entlassungen”). Doch es kommt ganz anders. Gerade mal fünf Monate später ist Dorn gefeuert, der Umsatz abermals gesunken, die Zahlen wieder negativ, die Liquidität besorgniserregend schlecht. So bleibt nur der Gang zum Amtsgericht, wo Anfang November der Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens vorgelegt wird. Hucke ist in der schwersten Krise seiner mehr als 70-jährigen Existenz. Mitarbeiter bangen um ihre Jobs, müssen mit deutlichem Personalabbau rechnen, der Aktienkurs stürzt ab. Zwei Mal wird die Hauptversammlung verschoben, während der Insolvenzverwalter auf die Suche nach Investoren für eine bessere Zukunft geht.
Es ist das Ende einer Talfahrt, dessen Stopp vor dem Amtsgericht viele dennoch nicht für möglich gehalten haben. Schließlich war das Unternehmen jahrzehntelang der größte Arbeitgeber der Region, zählte zu den führenden Bekleidungsfirmen in Deutschland und schraubte noch 1996/97 – nach kräftigen Zukäufen in den Jahren zuvor – seinen Umsatz auf die Rekordmarke von gut 900 Millionen Mark. Fast 5.000 Menschen beschäftigte der gesamte Konzern.
Doch nach dem Höhenflug gings bergab. Auf die Strukturprobleme in der Textilindustrie reagierte Hucke mit ständigen Wechseln in der Strategie und Modepolitik, rasanter personeller Rochade in der Chefetage und falschen Konzepten, während Mitbewerber wie Ahlers und Weber immer mehr Marktanteile eroberten. Dazu kamen hohe finanzielle Lasten durch ungenutzte Gebäude.
Nun haben die Sanierer das Wort. Schon zu Beginn des neuen Jahres dürfte deutlich werden, welche Perspektive die Hucke AG noch hat.

Es gibt Geld: Eine Mainzer Bank hilft der angeschlagenen Hucke-Gruppe mit einem Kredit in Höhe von 15 Millionen Euro, um das Unternehmen wieder flott zu machen. Das gibt der Insolvenzverwalter Ende Dezember bekannt.
Foto: Waldemar Freitag / Montage: Thomas Grundmann
Text: Reinhard Günnewig
Quelle: Neue Westfälische Lübbecke