Einziger Storchenbestand in ganz NRW in Minden-Lübbecke/Storchbeauftragte bei Adebar zu Besuch

von Patrick Menzel
Lübbecke-Gehlenbeck (me). So langsam wird’s richtig eng im Storchennest auf dem 15 Meter hohen, ehemaligen Fabrikschornstein an der Frotheimer Straße, wo sich die vier Jungvögel – diesen Eindruck gewinnt man zumindest als Betrachter – gegenseitig auf die Füße treten.
Nein, ganz soweit sind sie dann doch noch nicht. Noch liegen die kleinen, erst drei Wochen alten Störche dicht an dicht in ihrem wärmenden Nest und lassen sich von ihrer Storchen-Mama verwöhnen.

Storchenknäuel: Gegenseitig wärmen sich die vier jungen Störche. Und die Unruhe, für die der Storchbeauftragte Stefan Bulk sorgt, ist schnell vorbei.
Unruhe mögen sie nicht. Doch dann wurde es dennoch ein wenig hektisch. Denn der Storchbeauftragte Stefan Bulk kam zu Besuch und hatte für Familie Adebar auch etwas mitgebracht. Der Biologe fuhr mit Hilfe der langen Feuerwehr-Drehleiter hoch hinaus, um die vier jungen Vögel in ihrem Nest auf dem stillgelegten Schlot beringen, wiegen und vermessen zu können. Mutter Storch hatte das große Nest zu diesem Zeitpunkt bereits verlassen und zog ganz in Sichtnähe ihre Kreise. “Das ist vollkommen normal, wenn sich der übermächtige Mensch mit großer Technik nähert, dann fliegt auch das Muttertier weg, egal ob Jungtiere da sind oder nicht”, weiß Stefan Bulk aus seiner Arbeit.

Take off: Bevor der Storchenbeauftragte sich um den Nachwuchs kümmert, sucht die Storchenmutter das Weite. “Normal sagt Stfan Bulk.
Das Storchenpaar hatte sich schon im März eingefunden und bereits Mitte April mit dem Brutgeschäft begonnen.
“Vier Jungtiere sind ein guter Erfolg”, weiß Bulk. Die Situation der Störche im Mühlenkreis sei zur Zeit positiv zu bewerten. Ein guter Bestand, wie in 2003 und 2004, lassen NABU und Aktionskomitee “Rettet die Weißstörche” sowie alle Storchenfreunde auf ein erfolgreiches Jahr hoffen. Waren es 1990 nur drei Paare, so brüten in diesem Jahr im Kreis 16 Paare, zu denen noch drei Nest-Standorte hinzukommen, die von Einzelstörchen besetzt sind. “Hält diese positive Entwicklung an, so könnte schon bald auch der Altkreis Lübbecke mit seinen historischen Storchenlebensräumen mit Neuansiedlungen rechnen”, sagt der Storchenexperte. Rund um das Große Torfmoor, der Rauhen Horst und entlang der Fließgewässer könnten nach jahrelangen Bemühungen von NABU und dem Aktionskomitee ausreichend Lebens- und Nahrungsraum zur Verfügung stehen.
Der gute Storchenbestand an der Weser und in den neu besiedelten ehemaligen Storchenlebensräumen in den Bastauwiesen dürfe aber nicht darüber hinweg täuschen, dass der Kreis Minden-Lübbecke an der westlichen Verbreitungsgrenze der Weißstörche liegt. Solche Randpopulationen seien, so Bulk, immer gefährdet. Hierin liege seiner Ansicht nach auch die Begründung, warum der Storchenschutz eine prioritäre Aufgabe von Verbänden, Behörden und Politikern im Kreis sein muss.
Die Störche stellen zunehmend ein starkes Symbol für den Kreis Minden-Lübbecke dar und haben eine überregionale Bedeutung für den Artenschutz. Neben Einzelvorkommen am Niederrhein findet sich hier der einzige Storchenbestand in ganz NRW. “Die Zukunft unseres Storchenbestandes liegt in der Aufzuchtquote hier vor Ort. Nur wenn unsere Störche über Jahre ausreichend Junge großziehen können, wird sich die aktuelle positive Entwicklung stabilisieren können. Deshalb bleibt es wichtig, die Nahrungsräume der Störche – wie möglichst extensiv bewirtschaftete Grünlandflächen und Kleingewässer – zu schützen und miteinander zu vernetzen. Anderenfalls könnte der Storch wie schon um 1990 an den Rand des Aussterbens zurückfallen”, mahnte Bulk.
Sorge bereiten ihm die zunehmend auftretenden Störche aus Züchtungen und Wiederansiedlungsprojekten, die im Gebiet überwintern und durch nicht artgerechtes Verhalten negativen Einfluss auf die Entwicklung der Wildstorch-Population nehmen. Im Kreis Minden-Lübbecke überwinterten dieses Jahr sechs Störche. “Diese ‘Winterstörche’ besetzen die Lebensräume der ziehenden Störche, die erst später im Jahr aus dem Süden ins Brutgebiet zurückkehren. Bei den Versuchen ihre alten Nestern wiederzubesetzen kommt es immer wieder zu Störungen im Brutgeschäft und zu Storchenkämpfen, die sogar zu Verlusten bei den Gelegen und den Jungvögeln führen können, wie es in Gehlenbeck und Petershagen zu beobachten war”, sagt der Storchenexperte.
Fotos: Patrick Menzel
Quelle: Neue Westfälische Lübbecke