Die Erbauung der Volksheilstätte

Der nachfolgende Text wurde von Hanna Wilde und Mitarbeitern aus Nettelstedt verfasst und wurde aus dem Heft “Neue Nettelstedter Blätter” Nr. 33 entnommen.

Das Fundament zu der späteren Stiftung wurde im Jahre 1921 mit dem Erwerb der am Hang des Wiehengebirges gelegenen alten Hofstätte Nr. 52 der Witwe des Maurers Lange gelegt. Diese verkaufte dem jungen Schulleiter Karl Meyer-Spelbrink ein Fachwerkhaus mit Lagerräumen sowie dem Hof und Gartenland. Bis zum Jahre 1922 konnte auf diesem Besitz eine kleine “Volksheilstätte” errichtet und mit sieben Badezellen in Benutzung genommen werden. Bis dahin gab es im Dorf keine Wohnung mit Badezimmer. Vorausgegangen war eine ärztliche Reihenuntersuchung der Nettelstedter Schulkinder, bei der das Gesundheitsamt des Kreises Lübbecke einen erschreckend hohen Stand an TB-Erkrankungen festgestellt hatte. Der Amtsarzt führte ihn auf die gefährliche Belastung vieler Kinder durch die Tabak-Heimindustrie, auf die schlechten hygienischen Verhältnisse im Dorf und generell ungesunde Lebensverhältnisse zurück. Diese Ergebnisse und der dringende Appell des Schulleiters rüttelten die Dorfbevölkerung auf, von nun an tatkräftig an der Verbesserung der Lebensverhältnisse mitzuwirken.

Wie wurden Kauf und Anlage der Volksheilstätte bewältigt? Das alte, heute im Archiv des Wittekindshofes aufbewahrte Kontobuch (1919 – 1924) gibt über die Finanzierung genauen Aufschluß. Die ersten größeren Einnahmen (ca. 10 000 Mark) flössen aus Eintrittsgeldern und Spenden zu Erntefesten und Spielabenden auf Surmeiers Deele im Dorfzentrum. Auf dem Programm standen die Stücke: “Andreas Hofer”, “Ruth”, “Glaube und Heimat” und die “Nettelstedter Speeldeel”. Die Darbietung dieser Stücke in Nachbardörfern brachte etwa 11 000 Mark an Einnahmen. Das waren vor der Inflation noch stattliche Summen. Die Sammlung in allen Nettelstedter Zigarrenfabriken ergab etwa 3 000 Mark. Bei Hochzeiten und Beerdigungen im Dorf wurden vielfach statt der üblichen Gaben Spenden für die Volksheilstätte erbeten und gegeben. Von ausgewanderten Nettelstedtern aus Amerika gingen allein im Jahre 1922 zweimal Beträge von etwa 30 000 Mark (in nunmehr durch die Inflation verringertem Wert) ein. Die höchste Summe spendete Henry Kröger, der Sohn des in mehreren Heften der Nettelstedter Blätter erwähnten Hermann Kröger und seiner Frau Luise geb.
Ellerhoff.

Im Sommer 1922 spendete der Kreisausschuß des Kreises Lübbecke 10 000 Mark, nachdem der Landrat von Borries einen Spendenaufruf veröffentlicht hatte. Er erzielte große Wirkung. Von Fabrikbelegschaften, Fabrikanten, wohlhabenden Bürgern, Gutsbesitzern und Bauern aus dem gesamten Landkreis gingen Spenden ein, die in ihrer Summe den Betrag des Kreisausschusses übertrafen. Noch wirksamer waren die Spendenaufrufe, die der westfälische Lehrerverein auf Bitten Meyer-Spelbrinks an die Lehrer und ihre Schüler in ganz Westfalen gerichtet hatte. Auf mehreren Lehrerversammlungen – zumeist in Dortmund – hatte er für seine Sache selber werben dürfen und bei dem angesehenen Schulrat Tittel Unterstützung gefunden. Bis zum Herbst 1923 gingen laufend Spenden von Schulklassen. Lehrerkollegien, Schulen und Lehrervereinen ein, deren Höhe sich – durch die galoppierende Inflation bedingt – zunächst auf Millionenbeträge, dann auf solche in Milliarden und schließlich in Billionen beliefen. Auch der Reichspräsident stiftete einen solchen Millionenbetrag. Alle Honorare und Aufwandsentschädigungen für die lebhafte Vortragstätigkeit Meyer-Spelbrinks flössen in einen Förderfonds. Wilhelm Westerhoff gab ihm angesichts der Inflation die Summe, mit der er selber die Stätte hatte erwerben wollen, als Darlehen und erhielt stattdessen ein Wohnrecht für sich und die Familie im Fachwerkhaus.
Die gesamten Bauarbeiten wurden durch kostenlose “Hand- und Spanndienste” von Seiten der Dorfbevölkerung geleistet, nur Material mußte gekauft werden. Bis Minderheide fuhren die Fuhrleute, um von dort die sieben Wannen und Öfen abzuholen, die man beim Abbruch eines Kriegsgefangenenlagers preiswert ersteigert hatte. Die notwendigen Tagesleistungen wurden nach den uralten Hand- und Spanndienstlisten auf die Häuser im Dorf verteilt, d.h. die gesamte Realgemeinde war ehrenamtlich am Bau beteiligt. Auf diese Weise wurde bis 1922 eine Anlage im Wert von 47 500 Mark erstellt, deren Badeeinrichtung die Dorfbevölkerung seitdem rege benutzte. (Akten zu Finanzhilfen des Kreises Lübbecke befinden sich im Kommunal Archiv Minden)

\"Kurkinder
Kurkinder im Terrassengarten

Geschrieben am 5. Dezember 2009 | Abgelegt unter |