Ausweitung der Arbeit auf ganz Westfalen

Der nachfolgende Text wurde von Hanna Wilde und Mitarbeitern aus Nettelstedt verfasst und wurde aus dem Heft “Neue Nettelstedter Blätter” Nr. 33 entnommen.

Im Sommer 1927 konnte die Bauperiode am Kinderheim durch die Fertigstellung des hellen Saales an der Südfront mit der großen Liegeterasse darüber abgeschlossen werden. Das Heim war nun nicht nur funktionsgerecht für Kuren und Tagungen eingerichtet, sondern ein schönes Gebäude mit reich gestaltetem Garten in besonders schöner Lage am alten Nettelstedter Schliepdiek unter dem Hügel des Hünenbrinks. Seine offizielle Einweihungsfeier wurde zu einem Weihe- und Festtag für das ganze Dorf. Die Festrede im menschenüberfüllten Garten hielt Schulrat Tittel als Vertreter der westfälischen Lehrerschaft. Der biblische Wunsch: \”Herr, lasse Deine Augen stehen über diesem Hause Tag und Nacht\” durchzog seine Rede. In 75 Jahren der Existenz ist dieser Wunsch bis heute vielfach in Erfüllung gegangen. Grußworte verbanden der Oberpräsident Westfalens Gronowski, der Regierungspräsident Dr. Hagemeister und der Landrat v. Borries und andere mit der Spende mehrerer Tausendmarkscheine. Anschließend nahm die Festgemeinde an der Aufführung des Götz von Berlichingen auf dem Hünenbrink teil. Spielleiter Wilhelm Korte spielte selber den Götz, eine Rolle, die er noch mehrfach im Leben verkörpern sollte und in der er vielen Zuschauern in Erinnerung geblieben ist.

Die hohe Besucherzahl dieses und des nächsten Spielsommers ermöglichte wieder ansehnliche Beiträge zum Unterhalt des Kinderheimes. Ein Sonderdruck der westfälischen Schulzeitung und Berichte in der norddeutschen Presse verbreiteten die Kunde vom Gemeinschaftswerk im Heim und auf dem Hünenbrink. Als dann im Jahre 1927 auch die neue Schule mit einem modernen Lehrerhaus und der hübsche Bahnhof eingeweiht waren, der Turm auf dem Hünenbrink im Folgejahr errichtet und durch die Weihe seiner wohltönenden drei Glocken – Einigkeit und Recht und Freiheit mit den Tönen: e, h, d – vollendet war, schien das Werk auf gesunden Füßen zu stehen. Die Vollendung des Turmbaues aus dem Material des nahen Steinbruches und die Weihe der Glocken sahen 1929 wiederum Menschen aus allen Bevölkerungsgruppen des Dorfes festlich vereinigt. Die Ansprache Stand unter dem Bibelspruch: “Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen”. In ähnlicher Weise hatte sich die Dorfbevölkerung, vertreten durch ihre Vereine, schon ein Jahr zuvor bei der Einweihung des Denkmals für die Gefallenen zu einer Feierstunde versammelt. Bis zum Beginn der Weltwirtschaftskrise im Herbst 1929 war das Kinderheim durch Kuren für erholungsbedürftige Kinder vornehmlich aus dem Kreis Lübbecke gut ausgelastet. In die Kurkosten teilten sich in der Regel der Landkreis und die Landesversicherungsanstalt in Münster. Die Familien zahlten nur einen geringen Eigenanteil. Nettelstedter Kinder und solche von Kriegerwitwen wurden bevorzugt und immer kostenlos aufgenommen. In der Zeit der großen wirtschaftlichen Not in Deutschland nach dem November 29, als öffentliche Finanzträger Kuren nur noch selten bewilligten, richtete die Stiftung kostenlose Kuren für sog. “Pestalozzikinder” ein. Darunter verstand man Kinder von Arbeitslosen im Ruhrgebiet, die damals unter großem Mangel litten. Nach Pestalozzis Vorbild sollte ihnen durch “Emporbildung aller Kräfte der Menschennatur” in Nettelstedt geholfen werden. Westfalens Lehrer übernahmen einen Teil der Kosten. Im Herbst 1931 überraschte die Dorfbevölkerung die abreisenden Pestalozzikinder mit einer umfangreichen Lebensmittelspende zugunsten ihrer Familien daheim. Lehrer der Nettelstedter Schule hatten die Sammlung organisiert.


Familie Meyer-Spelbrink vor dem Eingang zur
alten Schule, 1925 Foto: E. Grothe

Alle Einrichtungen des Heimes standen weiterhin der Dorfbevölkerung zum Baden, Spielen, Singen und Tanzen, zu Sitzungen von Gemeinde- und Spielerrat, zu Schulfeiern und Treffen mancherlei Art offen und wurden laufend genutzt. Das auf Seite 12 abgebildete Foto von etwa 50 trachtengeschmückten, alten Frauen aus Nettelstedt wurde aus Anlaß einer solchen Feierstunde gemacht, wie sich Hermann Pohlmann erinnert. Der Turnverein “Jahn Nettelstedt” benutzte zeitweilig das Bild des Hünenbrinkturmes im Lorbeerkranz als Emblem seiner Verlautbarungen.

Viele Aktivitäten der Spielgemeinde fanden im Heim statt: Kostümarbeiten, Proben und Innenaufführungen außerhalb der Sommersaison. Diese Nutzung verbesserte vor allem im


Turnverein Jahn Nettelstedt

Winter, wenn Kuren weniger gefragt waren, die Auslastung der Anlagen. Die zahlreichen Angestellten zur Betreuung der Kinder, in Küche, Keller, Büro und Garten sollten nicht als Saisonkräfte beschäftigt werden. Als um 1931 die Auslastung durch Kurkinder trotz der Pestalozzikuren geringer wurde, ergänzten die Spielleiter Korte und Griebel das Kurprogramm durch winterliche Laienspiellehrgänge für auswärtige Lehrer und Jugendpfleger, die sie zusammen mit dem Bühnenvolksbund/Berlin im Kinderheim durchführten. So wurden Theaterleute wie der Regisseur Dr. Ignaz Gentges, die Kostümbildnerin Elly Ohms, die Maler Graf Byland/Rheydt und Kurt Roth, der Autor des Wittekindspieles Heinrich Römer, der Dichter und Maler Hermann Griebel und der Regisseur Hermann Schulze nach Nettelstedt gelockt. Hermann und Hertha Griebel, die nach langen Verhandlungen im Jan. 1931 in das alte Fachwerkhäuschen einzogen, machten das Heim zum “Haus des Nächsten”. Die von ihnen herausgegebene Zeitschrift dieses Titels berichtete über die soziale und kulturelle Arbeit in Nettelstedt und wurde den Freunden des Kinderheimes zusammen mit der Bitte um Spenden zugeschickt. Ihre eigene Arbeit konnte nur kümmerlich bezahlt werden. In Nummer zwei der Hefte schilderte Meyer-Spelbrink eindringlich die sozialen und kulturellen Ziele der Stiftungsarbeit. Im Heft drei wurde zur Information der Eltern und Lehrer das Kurprogramm umfassend dargestellt. Neben die gesundheitliche Fürsorge war nun auch ein kleines Unterrichtsprogramm in der “Waldschule” getreten, für dessen Gestaltung die Regierung vorübergehend eine zusätzliche Junglehrerstelle in Nettelstedt einrichtete. Das Erscheinen der Zeitschrift mußte nach vier Nummern durch den plötzlichen Tod Hermann Griebels (1932) eingestellt werden.


Aufführung des Wilhelm Tell (Ehepaar Korte) auf der neu angelegten Bühne des Hünenbrinks im Jahre 1928


Emmy Koppe verh. Simon in der
Aufführung der Hermannschlucht 1934


Kindertanten und Nettelstedter Lehrer

Viele Stücke dieses Dichters wurden in Nettelstedt aufgeführt oder gelangten hier zu ihrer Uraufführung , u. a. “Reineke Fuchs” (1931), “Thiele, der den Tod sah” (1931/2), “Der Herrgott von Bentheim” (1933) und “Beowulf, der Befreier” (1935). Der folgende Gesang der Mädchen aus dem “Thiele” wurde nach Hermann Griebels eigener, melancholischer Melodie in Nettelstedt noch lange wie ein Volkslied gesungen:

Sommerwind weht über die Heide hin,
blüh, blüh, weiße Heide,
liegt meine Lieb mir in Herz und Sinn,
blüh, weiße Heide!


Hermann Griebel 1892- 1932

Selbstverständlich wirkten auch die meisten Lehrer der Nettelstedter Schule im Heim oder auf dem Hünenbrink mit. Die Kinderheimsküche war bei den zahlreichen Junglehrern für ihre Versorgung sehr beliebt.

Die starke Ausrichtung der Arbeit auf dörfliche Gemeinschaftsaufgaben setzte Rektor Meyer-Spelbrink durch Zusammenarbeit mit der westfälischen Heimstätte fort. Diese führte zusammen mit dem deutschen Verein für ländliche Wohlfahrtspflege einen international besuchten “Dorftag” in Nettelstedt durch. Auf dem Hünenbrink fand im Zusammenhang mit diesem “Dorftag” erstmals ein plattdeutscher Waldgottesdienst statt. Bis heute sind die alljährlich stattfindenden Gottesdienste auf dem Hünenbrink eine feste Einrichtung der benachbarten Kirchengemeinden geblieben. Adelheid und Bernhild von Bodelschwingh aus Dünne begleiteten vom Heim aus beratend den Siedlungsbau auf dem Sieben, am Ostrand des Dorfes. Nach der Weltwirtschaftskrise sah sich das Kuratorium der Stiftung 1930 zu Initiativen zugunsten von Arbeitslosen herausgefordert. Man konnte auf der Höhe des Wiehengebirges an der Straße nach Schnathorst ein Gehöft als Wirtschaftshof erwerben, im Dorf liebevoll die “Fittschenfarm” genannt. Heute ist das schön erhaltene Fachwerkhaus vielen Wanderern ein Begriff als “Kaffee Kastanie”. Zum Ratenkauf dieser Hofstätte von einem Schnathorster Kaufmann wurden Spendengelder aus dem “Pestalozzifonds” des westfälischen Lehrervereins verwendet. Zeitweilig diente diese Neuerwerbung als Wirtschaftshof für das Kinderheim. Später war hier eine Gruppe des weiblichen Arbeitsdienstes untergebracht Daneben beteiligte sich die Stiftung an dem in ganz Preußen ausgeschriebenen Notstandsprogramm. Sie errichtete mit risikoreichen Darlehen nördlich des Fachwerkhauses einen Neubau, zunächst nur mit Flachdach, als Isolierstation für Kranke und für den Freiwilligen Arbeitsdienst (FAD). Die Absicherung der Darlehen ermöglichten u. a. einige Nettelstedter Hausbesitzer, die ihren Grundbesitz vorübergehend mit Hypotheken belasteten. Unter den treuesten der Freunde war Heinrich Voß. Das Gesamtwerk umfaßte nach diesen beiden Erweiterungen einen Grundbesitz von etwa 40 Morgen. Nach der Berechnung des Nettelstedter Taxators Nedderhoff hatte es nun einen Gesamtwert von 280 000 RM. Mit etwa zehn Angestellten und einigen Arbeitern war es der größte selbstständige Betrieb im Dorf.



Der große Saal des Kinderheimes

Nach dem Ende der Wirtschaftskrise konnte die inzwischen (1930 ) privatisierte, gemeinnützige Stiftung “Kinderheim Nettelstedt” gelegentlich sogar Hypotheken an Notleidende im Dorf und der Umgebung vergeben. Durch das staatliche Notstandsprogramm kamen auch Männer aus dem Ruhrgebiet nach Nettelstedt. Mit Sanierungsarbeiten an Wegen und Gräben leisteten diese freiwilligen Arbeitsmänner nützliche Dienste für die Dorfgemeinde Nettelstedt. Unter ihnen war August Gnade, der viele Jahre seines Lebens der Arbeit im Kinderheim gewidmet hat. Nach zehnjähriger Aufbauarbeit hatten die Anlagen des Kinderheimes Nettelstedt 1932 ihre größte Ausdehnung erreicht. Angeregt durch Vorträge Meyer-Spelbrinks im westfälischen Lehrerverein kamen damals die Lehramtskandidaten Martin Simon und Emmy Koppe nach Nettelstedt. Sie blieben nach ihrer Heirat dem Kreis der Mitarbeiter mit kurzen Unterbrechungen zeitlebens verbunden. Martin Simon trat als Dichter, der Stücke für die Spielgemeinde und die Freilichtbühne verfaßte, gewissermaßen die Nachfolge Hermann Griebels an. Bekannt wurden seine Dramatisierung des Wehrwolfromanes von Hermann Löns und das Volksschauspiel “Die Westfälinger”, mit dem 1939 die Aufführungen auf dem Hünenbrink vorübergehend wegen des Krieges zum Erliegen kamen. Sein plattdeutscher Schwank “De däatschotene Hohn” gehört noch heute zum Repertoire der Spielgemeinde.

Im Jahre 1933 brachte der damalige NDR eine Reportage unter dem Titel: Hier spricht Nettelstedt. Berichte über die vielseitigen Aktivitäten im Dorf wurden im Rollenspiel von den Hauptakteuren selber vorgetragen. Hermann Schulze hatte die Texte verfaßt. Die inzwischen schön ausgebaute Bühne mit dem großen Zuschauerraum auf dem Hünenbrink wurde in den Jahren 1929 und 1932 auch für die offizielle Verfassungsfeier zur Gründung der Weimarer Republik in der Provinz Westfalen genutzt. Hauptredner war der preußische Innenminister Severing (SPD). Dieses Ereignis sollte sich in der NS-Zeit noch zum Nachteil der Stiftung auswirken.

Zu den zuletzt geschilderten Erweiterungen bis zum Jahre 1932 hörte man auch viel Kritik aus den eher konservativen Kreisen der Dorfbevölkerung. Dort hatte “der Rektor” schon Verdruß bereitet, als er bei Beerdigungen die unterschiedliche Bezahlung für “dat lütje un dat gräade Lik” an seine Person als Kantor abgeschafft und durch eine freiwillige Spende zugunsten des Kinderheimes ersetzt hatte. Es kam zu einer Unterschriftensammlung gegen diese Änderung, deren brieflichen Inhalt freilich nur einige Bauern und Nutznießer des “gräaden Liks” unterschrieben. Zukünftig gab es in Nettelstedt nur ein einheitliches Ritual für Beerdigungen, das auch der junge Pastor Enno Hartmann gerne annahm.

Die entschiedenen Christen nahmen Anstoß an der Probenarbeit des Spielleiters Korte an Sonntagvormittagen im Frühsommer auf dem Hünenbrink. Er verletzte damit nach Meinung der Entschiedenen das Gebot der Feiertagsheiligung. Fortan verlegte er die Probenarbeit auf einen so frühen Zeitpunkt, daß Zeit zum Besuch des Gottesdienstes in Gehlenbeck blieb. “Dat Herümmespringen doboben” blieb den Kritikern jedoch ein Dorn im Auge, denn Spiel galt vielen von ihnen als “Dübelskrom” Der Posaunenchor stellte darum seine Mitwirkung bei Veranstaltungen auf dem Hünenbrink ein. So manchen störte sicherlich auch der Andrang von Besuchern im Dorf. Kurz: einstimmig sprach man in Nettelstedt über die gemeinnützige Stiftung nicht. Solche kritischen Einwändungen mögen den Mitwirkenden lästig gewesen sein. Sie zeigen jedoch, daß die Dorfgemeinschaft hier ein lebendiges Gebilde, nicht nur Produkt einiger Persönlichkeiten war. Mitarbeit, Zustimmung und Stolz blieben jedoch überwältigend in den verschiedenen Kreisen der gesamten Dorfgesellschaft. Das “Sozial- und Kulturwerk Nettelstedt” wurde zu Recht vom damaligen NDR als Beispiel guten Gemeinsinnes gefeiert.

Geschrieben am 6. Dezember 2009 | Abgelegt unter Allgemein |