Als die “Spökenkieker” ihr Unwesen trieben . . .

Einblick in die Nettelstedter Dorfchronik – 120 Besucher

Hanna Wilde beschreibt mit Liebe zum Detail historische Begebenheiten

Nettelstedt (max). Mit einem solchen Besucherandrang hatte der Gartenbauverein Nettelstedt wahrlich nicht gerechnet! Die Vortragsveranstaltung sollte ursprünglich im Saal der Gaststätte Diekmann stattfinden. Doch schon bald zeigte sich, daß dieser Raum viel zu eng war.

Also zog man ins Gemeindehaus um, wo Heinz Oevermann in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Gartenbauvereins etwa 120 Gäste begrüßen konnte. Im Mittelpunkt des Abends stand ein Lichtbildervortrag von Hanna Wilde, geborene Korte, Tochter des einstigen Rektors .und unvergessenen Hünenbrinkakteurs Wilhelm Korte. Hanna Wilde ist Verfasserin der “Neuen Nettelstedter Blätter für Ortsgeschichte”.

Sie setzt damit eine alte Tradition fort. Rektor Meyer-Spelbrink war einst Herausgeber der “alten” Nettelstedter Blätter. Er schrieb bei seiner ersten Ausgabe vor genau 30 Jahren, 1957: “Die Zeitung erscheint, wenn der Herausgeber was weiß und die Leser was wissen wollen.” Damit hält es auch Hanna Wilde, deren “Neue Nettelstedter Blätter” im April 1985 in einer ersten Ausgabe erschienen. Hanna Wilde hat sich mit historischer Gründlichkeit und viel Liebe zu ihrem früheren Heimatort Nettelstedt der Erforschung heimischer Geschichte angenommen.

Der Gartenbauverein hatte mit der Einladung Hanna Wildes, die in Hamburg lebt, einen guten Griff getan. Der Abend gestaltete sich, auch durch die volkstümliche und aufgelockerte Art des Vortrags, zu einem brillanten Heimatabend.

Das Thema des Vortrags lautete “Nettelstedt vor 150 Jahren”. Eingangs wurde auf Geschichte und Entwicklungsphasen aus jüngerer Zeit eingegangen. So verfolgten die Besucher mit größtem Interesse und Vergnügen einen Stummfilm über die Aufführung von “Wilhelm Tell” im Jahre 1928 auf dem Hünenbrink. Dieses Volksspiel hatte damals 113000 Besucher, die aus allen Himmelsrichtungen nach Nettelstedt gekommen waren. Wilhelm Korte spielte den Tell. Diverse Szenen wurden gezeigt, beispielsweise die berühmte Apfelszene, die Szene mit dem Hut am Stock. Zahlreiche Bekannte, Angehörige, Verwandte der Veranstaltungsbesucher wurden wiedererkannt. Ernst Burmester übrigens sprach damals den Rütlischwur.

1837, also vor mehr als 150 Jahren, gab es nicht nur das “Grün” des Wiehengebirges. Wald, Büsche, viele Baumgruppen waren auch inmitten der damaligen Bauerschaft Nettelstedts anzutreffen, beispielsweise auf beiden Seiten der Bastau. Nettelstedt gehörte damals zum Amt Gehlenbeck, das Bestandteil des 1832 gegründeten Kreises Lübbecke war. Auch für die Nettelstedter Bewohner war bereits vor 150 Jahren der Marktplatz in Lübbecke von großer Bedeutung. Sie konnten hier teils ihr Vieh verkaufen. Die Zeit des Spinnens und Webens ging langsam vorbei, der mechanische Webstuhl ersetzte den Handwebstuhl.

Die Jahre um 1840 herum gehörten mit zur schwierigsten Zeit auch in Nettelstedt, wo viel Not anzutreffen war. Dem damaligen Oberpräsidenten von Westfalen ist es zu danken, daß in jenen Jahren nach, und nach auch Neubauern angesiedelt wurden. Auf der Burgstädt kam es zur Bildung kleiner Handwerksbetriebe (Schneider, Schuster, Bäcker), auch Schäfer, Schweinehirt und Kuhhirt. Die Häuser in der Dorfmitte standen dicht beieinander, in der Feldflur dagegen weit auseinander. Es gab viele Backhäuser auch in Nettelstedt. Einst wurde verordnet, daß sie in einem weiteren als dem vielfach gegebenen Abstand vom Hauptgebäude zu errichten und zu betreiben waren, und zwar zur Verminderung von Brandgefahren durch Funkenflug.

1821 brach in Nettelstedt dennoch der “große Brand” aus, der von einer Schmiede ausgegangen war. Dem Feuer fielen zahlreiche Häuser, nahezu der gesamte Ortskern, zum Opfer. Auch die alte Kapelle (frühere Klus) wurde vernichtet. Sie wurde 1835 neu errichtet. Hanna Wilde zeigte auch eine Reihe von alten Bauernhäusern, u.a. den Hof Aspelmeier, dem man am Eingang zum Nettelstedter Moor noch heute begegnet.

Willi Siebeking verlas eine bezeichnende Spukgeschichte in “Niertlstieher Platt”. Zwei Nettelstedter hatten spätabends einen hellen Lichtstrahl gesehen, der sich ständig weiterbewegte. Sie vermuteten den “Satan”, bewaffneten sich mit Mistforke und Dreschflegel und rückten der sonderbaren Erscheinung zu Leibe. Es stellte sich heraus, daß ein Bauer seinen Pflug von der Schmiede geholt hatte, dessen blanke Teile im Mondlicht glitzerten und dessen beide Handgriffe den beiden Nettelstedter “Spökenkiekern” als die “Hörner des Satans” vorgekommen waren.

Hanna Wilde ging ferner auf 150 Jahre alte Katasterunterlagen ein. Früher seien nicht die Wiesen eingehegt worden, sondern die Äcker. So konnte denn das Vieh frei herumlaufen. 1837 sei es noch üblich gewesen, daß die Bauern ihre dicht beieinanderliegenden, oft kleinen Parzellen, die nicht einmal einen eigenen Zugang hatten, mit der gleichen Ackerfrucht bestellten. Erst die spätere Verkuppelung habe dem Landwirt hier neue Perspektiven eröffnet.

Die Referentin ging auch auf alte Nettelstedter Flurnamen ein, die teils heute noch erhalten bzw. gebräuchlich sind. Selbst größere Bauern hielten damals neben ihrem sonstigen Viehbestand auch Ziegen. Sie hatten möglichst nicht mehr Pferde als unbedingt notwendig, um nicht zu stark zu Spanndiensten herangezogen zu werden.


Heinz Oevermann, Vorsitzender des Nettelstedter Gartenbauvereins, bedankte sich namens der weit über hundert Gäste recht herzlich bei Hanna Wilde für die aufschlussreichen Ausführungen aus der Geschichte Nettelstedts.

Foto: Maschmeier

Quelle: Neue Westfälische Lübbecke

Geschrieben am 17. Dezember 1987 | Abgelegt unter Garten- und Heimatfreunde |